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Posts Tagged ‘Mitgefühl’

perlenst

In dem wundervollen Geschichtenbuch „Aus Liebe zum Leben“ der amerikanischen Ärztin Rachel Naomi Remen habe ich vor kurzem etwas gelesen, das mich zutiefst berührt hat: In alten Kulturen sei es gang und gäbe, kleine Fehler in die traditionellen Kunstwerke, die dort kreiert werden, einzufügen – als Würdigung der Spuren, die das Leben auf allem hinterlässt, was es berührt. So belassen Zen-Gärtner in Japan absichtlich einen dicken Löwenzahn inmitten der streng zugeschnittenen und ritualisierten Meditationsgärten. Im Iran fügen die besten Teppichweber einen absichtlichen Webfehler in die kostbarsten Teppiche ein. Und die amerikanischen Indianer stickten in jede ihrer prachtvollen Perlenstickereien eine zerbrochene Perle mit ein, die sogenannte „Geist-Perle“. All diese „Fehler“ verwandeln Perfektion in Ganzheit.

Als ich die Geschichte von der Geist-Perle gelesen hatte, kamen mir fast die Tränen. Wie oft halten wir unsere Energie zurück aus Angst, nicht perfekt, nicht gut genug zu sein! Wie oft verurteilen wir uns aufgrund von Schwächen und kleinen Schönheitsfehlern! Wie oft hadern wir mit dem Leben, weil so vieles anders gelaufen ist, als wir es geplant hatten! Wie oft sind wir voller Wut und Trauer gegen uns selbst! Doch dieses Bild von der Geist-Perle erinnert uns daran, dass wir unendlich kostbar sind, genauso wie wir sind! Dass es gerade die Brüche in unseren Biographien, in unseren Körpern, in unseren Seelen sind, die uns einzigartig machen, uns ganz werden lassen, und die unserem SEIN den Geist, den Spirit, einhauchen. Eine einzige kleine, zerbrochene Perle in einem Kunstwerk vermag, was die ganze perfekte Ordnung und Schönheit um sie herum nicht fertig bringt: Sie bricht versteinerte Herzen auf, sie be-rührt und tröstet. In dem Wissen um die Gegenwart einer Geist-Perle können wir entspannen und erleichtert durchatmen. Denn ein Kunstwerk, das seine Brüche offenbart, reflektiert unendlich viel Liebe und Mitgefühl für die Brüche in uns selbst! Ein MENSCH, der seine Brüche offenbart, heilt die ganze Welt!

Wenn wir gegen unsere Geist-Perlen kämpfen, kämpfen wir gegen das Leben und gegen all das, was Wahrhaftig, Wertvoll und Besonders ist. Es geht nicht darum, etwas möglichst perfekt zu machen. Es geht nicht darum, einen perfekten, ewig jungen Körper zu haben oder Prestige, Reichtümer und Wissen anzuhäufen. Es geht darum, dem Leben mit jedem Tag wieder neugierig, offen und unvorbereitet zu begegnen, Momente der Liebe, der Freude, der Weisheit, aber auch des Schmerzes und der Trauer miteinander zu teilen, mutig und authentisch den Tanz des Lebens zu tanzen – und uns selbst anzunehmen als Gezeichnete des Lebens.

Perfektion fühlt sich so ungeheuer hart, so tot und unbarmherzig an. Und tatsächlich ist sie ein eindeutiges NEIN zum Leben. Lebendigkeit entsteht erst da, wo wir akzeptieren, dass alles im Fluss ist, im ständigen Werden. Wo wir uns selbst erlauben, auf dem Weg zu sein, noch nicht angekommen zu sein. Wo wir unseren Körper als heiligen Tempel wertschätzen mit allen Spuren, die das Leben auf ihm hinterlassen hat.

Wie viele Geist-Perlen befinden sich in deinem Lebensgewebe? Wie viele Fehler, Brüche, Narben, Enttäuschungen, Widersprüche, Misserfolge, Krankheiten? Vielleicht möchten sie nichts weiter, als dich auf die Ganzheit in dir hinweisen. Dir zeigen, was wirklich wichtig ist im Leben, und dir zuflüstern: „Lass los und sag einfach Ja!“

Ich bin gerührt von diesen verrückten Zen-Gärtnern, Teppichwebern und Perlenstickern – wenn es sie denn tatsächlich (noch) gibt. Was für eine Demut gegenüber der Kunst und dem Leben selbst muss ein Mensch haben, der etwas Perfektes gestalten könnte und dann seinem Kunstwerk absichtlich einen Makel zufügt. Dem kann nur eine tiefe Verneigung vor der Großartigkeit des Universums und großes Mitgefühl gegenüber dem Menschsein zugrunde liegen.

Diese Haltung wünsche ich uns allen.

Wir bräuchten keine Schönheitschirurgen mehr, keine Drogen und vermutlich auch viel weniger Ärzte und Psychiater, wenn wir alle unsere Geist-Perlen anerkennen und einander offenbaren würden, und uns selbst und alles Leben mit den Augen der Liebe betrachten könnten. Die Augen der Liebe suchen nicht nach kühler Perfektion. Sie suchen nach Ganzheit, nach Tränen des Lachens und der Verzweiflung, nach Menschlichkeit, Wärme, Lebendigkeit und wahrhaftigem Selbstausdruck.

„On ne voit bien qu’avec le coeur. L’essentiel est invisible pour les yeux.“ – „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ (Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz)

Lokah samastah sukhino bhavantu – Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich und frei sein!

Deine Christine Samira

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Es ist Nacht. Ich sitze im Wohnzimmer im Dunkeln und blicke in die vier brennenden Kerzen meines Adventsgestecks. Noch zwei Tage bis zum heiligen Abend. Ich lasse das Jahr Revue passieren, denke nach über dies und das – was ist, was war und was in nächster Zeit ansteht. Es ist die „stade Zeit“ und die Zeit der Rauhnächte. Ich spüre das große Bedürfnis, mich total zurück zu ziehen, aber ich merke, wie ich innerlich unter Strom stehe. Mit so vielen lieben Menschen hätte ich mich vor Weihnachten noch „schnell“ auf einen Glühwein treffen wollen – und hab’s einfach nicht geschafft, bei so vielen müsste ich mich wenigstens noch per Telefon oder Mail melden, ihnen noch liebe Grüße überbringen. Ich will, dass sie wissen, dass ich an sie denke, wie wichtig sie mir sind, wie lieb ich sie habe… Aber eigentlich mag ich jetzt nur noch bei mir sein. Darf ich das? Am liebsten würde ich mich gerade komplett aus der Welt zurückziehen, kein Telefon, kein Internet, kein Reden. Einfach nur Stille, einfach nur ein paar Kerzen, einfach nur ich – sonst nichts! Mir wird bewusst, wie die letzten Wochen und Monate an mir vorbei gerast sind. Ich habe mir keine Zeit mehr für Stille genommen, zu wenig Zeit für echte Entspannung, zu wenig Zeit für mich. Jetzt wird mir bewusst, wie sehr mir das fehlt.

Je länger ich ins Kerzenlicht schaue, umso ruhiger wird mein Geist, ich werde leer. Das fühlt sich gut an. Und plötzlich wird mir wieder eine ganz banale Wahrheit bewusst: Ein einziges kleines Licht reicht aus, um die Dunkelheit zu erhellen, um das Hier und Jetzt  mit Klarheit, Bewusstheit und Kraft zu füllen. Noch nie konnte die Dunkelheit dem Licht etwas anhaben – das Dunkel kann niemals in einen hellen Raum eindringen. Aber diese vier kleinen Kerzen vermögen mein ganzes Wohnzimmer zu erhellen. Ich frage mich, wie viele Kerzen wohl nötig wären, um alle Dunkelheit zu vertreiben und den Raum taghell erscheinen zu lassen?

Licht ist Liebe. Es ist das einzig wirklich Existente. Die größte Kraft im Universum. Und oft ist es das einzige – und immer das wichtigste – was wir anderen geben können. Wenn uns Menschen in Schmerz und Not begegnen, denken wir sofort, wir müssten ihnen kluge Ratschläge erteilen, einen Aktionsplan erarbeiten und Lösungen anbieten. Doch in Wirklichkeit geht es nur darum, dem anderen in seiner Dunkelheit die Hand zu reichen und das Licht für ihn zu halten. Ihn einfach nur SEIN zu lassen, ins Fühlen zu begleiten und ihm den sicheren Raum zu geben, sich in existenzielle menschliche Erfahrungen hineinfallen zu lassen. Leider befürchten wir oft, einfach „nur“ in Liebe da zu sein, sei nicht genug. Doch es ist das mächtigste Geschenk. Es zeigt dem anderen: Du bist nicht allein, ich nehme dich wahr in deinem Schmerz und ich respektiere dein Gefühl, denn es ist auch meines. Ja, Mitgefühl und Liebe sind die größten Heiler! Was hättest du größeres und segensreicheres zu verschenken, als deine liebevolle Präsenz, dein ursprüngliches, lichtvolles Sein? Einfach nur Da-Sein, Be-Rühren, Halten, Mit-Fühlen, Anerkennen. Keine Worte der Welt und keine Therapie vermag mehr!

Und so möchte ich zum bevorstehenden Weihnachtsfest viele kleine Lichter entzünden, um die Welt ein bisschen heller zu machen:

Ein Licht für alle Menschen, die Krieg, Unterdrückung und Folter erleiden
Ein Licht für all die, die krank und hoffnungslos sind
Ein Licht für all die, die von dieser Welt Abschied nehmen müssen und für die, die neu geboren werden
Ein Licht für all die, die in Trauer um einen geliebten verstorbenen Menschen sind
Ein Licht für all die, die in Armut, Hunger und Kälte leben müssen
Ein Licht für all die, die einsam und verlassen sind
Ein Licht für all die, die in Angst, Sorge und Verurteilung gefangen sind
Ein Licht für all die, die nicht gesehen und gehört werden
Ein Licht für all die, die mutlos und verzweifelt sind
Ein Licht für dich, der bzw. die du diese Zeilen liest
Ein Licht für mich und all das, was in mir im Unfrieden und im Schmerz ist

Wie hell wird die Welt, wenn wir einfach nur in reiner Liebe wahrnehmen was ist, und mit offenem Herzen unsere Gefühle teilen.

Das ist das Wundervolle am Menschsein: Wir sind die, die im Dunkel stehen und auf ein Licht warten, und gleichzeitig sind wir die Lichtbringer für andere. Wir sind eins – kein Mensch macht eine Erfahrung für sich alleine. Solange auch nur ein einziger Mensch auf dieser Welt in Hunger, in Angst, in Krankheit, in Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt lebt, sind wir alle nicht frei. Wir dürfen uns gegenseitig Licht schenken und Verantwortung füreinander übernehmen, nur so kann Frieden und Liebe auf die Erde kommen.

Alles was uns in der Welt begegnet, ist entweder Liebe oder ein Schrei nach Liebe. Leider beantworten wir den Schrei nach Liebe allzu oft mit Gewalt, Ausgrenzung und Angst. Doch die einzige Antwort auf einen Schrei nach Liebe kann nur die Liebe selbst sein. Und so möchte ich dich animieren, in den Weihnachtstagen ganz bewusst ein paar Kerzen zu entzünden: für dich selbst und alles was in dir nach Liebe und Heilung schreit, für deine Familie, Freunde und Bekannte, die ein Licht brauchen, sowie für Machthaber, Völker, Regionen, Pflanzen und Tiere, deren Unterstützung dir am Herzen liegt. Sei dir bewusst, wie viel Heilung du mit deinem Licht in die Welt bringst. Es stimmt nicht, dass du klein und machtlos bist. Du kannst so unendlich viel Gutes tun:

Entzünde ein Licht!
Sei ein Licht!
Du bist das Licht der Welt!

Ich wünsche dir ein gesegnetes, fröhliches und liebevolles Weihnachtsfest!

„Je nai nan“ ist eine Version des „Herr, erbarme dich“ der koptischen Christen. Lass dich tragen vom Licht der Liebe dieses wundervollen Liedes:
http://www.youtube.com/watch?v=vI5LLN7tKgs

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Oh, wie wunderbar ist es, den weisen Worten eines Gurus zu lauschen und sich die Lehren eines erleuchteten Meisters zu Gemüte zu führen. In der Gegenwart eines solch besonderen Menschen fällt es leicht, in Liebe, Weisheit und Mitgefühl zu schwelgen. Von ihm lassen wir uns gern unterweisen in den Lektionen eines rechten Lebens. Wie sieht es aber aus mit den Menschen, die uns im schnöden Alltag begegnen? Mit der Supermarktkassiererin, die uns mit ihrer Trödelei den letzten Nerv raubt, mit dem Chef, der uns vor versammelter Mannschaft kritisiert und sich nicht mehr an die versprochene Beförderung erinnern will, mit der Schwiegermutter, die alles besser weiß, dem Partner, der uns betrügt oder dem Nachbarn, der wegen des Gebells unseres Hundes vor Gericht zieht?

In dem Buch „Acht Schritte zum Glück. Der buddhistische Weg der liebenden Güte“ (von Geshe Kelsang Gyatso) habe ich vor Jahren einen Gedanken aufgeschnappt, der mich bis heute fasziniert und berührt: Stell dir vor, alle Menschen, die dir begegnen sind erleuchtete Wesen und sind nur zu dem Zweck da, dich ins Erwachen zu führen. Unser gewöhnlicher, verblendeter Geist sieht nur gewöhnliche, verblendete Menschen, aber ist es nicht möglich, dass in Wirklichkeit ein jeder von ihnen ein vollendeter Buddha ist? Die einzige Person, von der wir mit absoluter Sicherheit sagen können, dass sie nicht erleuchtet ist, sind wir selbst. Von den anderen können wir es nicht wissen.

Dieser Gedanke hat die Macht, unser ganzes Leben auf den Kopf zu stellen. Was würde sich verändern, wenn du in jedem Menschen deinen Meister und Guru, deinen Buddha und deinen Führer zur Erleuchtung sehen könntest? Was, wenn es tatsächlich so wäre, dass DU die letzte Seele bist, die noch nicht erwacht ist? Wenn all das Theater hier nur aus unendlicher Liebe zu DIR veranstaltet würde?

Vielleicht würdest du dich von deinen Mitmenschen tiefer im Herzen berühren lassen und könntest die Liebe hinter ihrem Sein erkennen. Vielleicht würdest du alles, was dir an vermeintlichen Ungerechtigkeiten und Leid widerfährt, als Chance zur Selbsterkenntnis und zum Wachstum annehmen können. Vielleicht hättest du mehr Mitgefühl mit dir selbst und deinem Lebensweg. Vielleicht könntest du dich in größerer Demut vor deinen Mitmenschen und vor der Welt verneigen statt zu trennen und zu urteilen.

Wenn es uns auch nur ab und zu gelingen würde, aus unserer persönlichen Betroffenheit herauszutreten, und die liebende Güte hinter den Erscheinungen unseres Lebens zu erkennen, könnten wir den Himmel auf Erden erschaffen. Doch es kann nur jeder bei sich selbst anfangen. Und sollten wir Tausend Mal scheitern…. – wenn es uns auch nur einmal gelingt, den vollkommenen Buddha in unserem Mitmenschen zu erkennen, dann haben wir damit schon die ganze Welt verändert!

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Wenn eine Beziehung zerbricht, macht man sich so seine Gedanken. Schuldgefühle, Vorwürfe, Trauer, Verletzung. Bin ich nicht gut genug gewesen? Habe ich nicht genug geliebt? Oft ist gerade das Gegenteil der Fall. Wir lieben zu sehr – oder besser gesagt: wir lieben falsch. Manche Liebe ist so tief, dass wir versuchen, alles vom Partner fern zu halten. Wir wollen ihn retten, beschützen, vor Leid und Unangenehmem bewahren. Und so errichten wir gemeinsam ein Bollwerk der Liebe und Harmonie, das uns vor der „bösen Welt“ und den „Prüfungen“ da draußen und im eigenen Inneren abschotten soll. Wir haben ja uns, und wir sorgen füreinander… In einer Art illusionären Sicherheitsgemeinschaft verschmelzen wir mit unserem Partner und vergessen darüber, unser eigenes Leben zu leben. Wir lullen uns gegenseitig in den Tiefschlaf und meinen, das sei Liebe.

Doch das ist es nicht, was die Seele will. Die Seele will ihren Entwicklungsweg gehen, indem sie sich ihren Lernerfahrungen stellt. Und das bedeutet in der Regel die Auseinandersetzung mit Leid, Schatten, Angst und Schmerz. Lernerfahrungen der Seele sind selten leicht, aber wenn wir uns ihnen stellen und durch die dunkle Nacht hindurch gehen, sind wir danach ein Stück reifer und bewusster. Das ist der ureigene Heilungsweg eines jeden Menschen.

Ein Mensch, dessen Seele im Tiefschlaf der behütenden, bemutternden und manipulativen Liebe versinkt, wird müde, depressiv und krank. Die Seele spürt, dass sie ihr Entwicklungsziel so nie erreichen kann. Indem die Partner gegenseitig ihre Ängste und Schwächen kompensieren und die Verantwortung des anderen übernehmen, ist kein Wachstum möglich. Aus zwei freien, eigenständigen Menschen werden Co-Abhängige – zwei bedürftige kleine Kinder, die sich gegenseitig Sand in die Augen streuen. Doch kein Mensch kann einem anderen seine Lektion abnehmen. Kein Mensch kann das Leben eines anderen leben. Und keiner kann vor seinen Aufgaben und Verantwortlichkeiten davon laufen.

Was für ein Glück, wenn solch eine Beziehung „auffliegt“, und jeder sich fortan seinen eigenen Seelenbildern und Herausforderungen stellen darf und ein erwachsenes, selbstverantwortliches Leben wählt. Wahre Liebe lässt frei! Sie steht bei, sie fühlt mit, aber sie nimmt dem anderen nichts ab und schreibt nichts vor. Wahre Liebe vertraut darauf – nein, sie weiß -, dass der andere alles hat um seine persönlichen Herausforderungen zu meistern, auf seine Art. Dem anderen die Verantwortung für sein Leben – auch für sein Leid und seinen Schmerz – zu lassen, und sich gleichzeitig um seine eigene Entwicklung zu kümmern, ist die höchste, erwachsenste Form von Liebe.

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