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Archive for the ‘Allgemein’ Category

Hast du manchmal das Gefühl, noch nicht ganz bei dir angekommen zu sein? Deine Gaben und Visionen noch nicht wirklich zu leben? So als würde etwas dich zurückhalten oder fesseln? Du ertappst dich dabei, dass du hart und kleinlich gegen dich selbst bist? Oder unsicher und ängstlich angesichts deiner “Unperfektheiten“? Dann atme tief durch, denn so ist das Menschsein einfach. Manch einer hat gewaltigere innere und äußere Hürden zu überwinden als ein anderer – doch stoßen wir alle immer wieder an unsichtbare Grenzen und Barrieren. Das stellt uns ein ums andere Mal vor die Wahl, stehen zu bleiben, oder unserem inneren Ruf zu folgen und uns ein Stück weiter ins Neue auszudehnen.

Wenn du mich schon eine Weile kennst, dann weißt du, dass ich nicht an einen Seelenplan oder Vorsehung glaube. Aber was ich spüre, sehe und jeden Tag erlebe, ist dass jeder Mensch ein ganz besonderes Strahlen in sich trägt. Einen ganz besonderen Duft und seine Farben, die ihn einzigartig machen. Die Indianer sprechen vom Spirit oder der „Medizin“, die jedes Wesen zum höchsten Wohle des Ganzen in sich trägt. Ich bin überzeugt, dass jeder einzelne Mensch das Potenzial hat, diese Welt zu verändern und zu einem heil(ig)en Ort zu machen. Du, ich, wir alle, einfach nur indem wir SIND.

Du darfst vertrauen, dass du genauso wie du bist, genau zu dieser Zeit und an diesem Ort richtig bist. Du wärst ein anderer, wenn etwas oder jemand anderes hier dringender gebraucht würde. Ich sehe es wie ein Puzzle oder ein Mosaik: Es geht darum, unseren Platz im großen Ganzen einzunehmen, einer höheren Ordnung zu dienen, indem wir wahrhaftig die sind, als die wir gedacht sind. Indem wir die Geschenke, die uns gegeben wurden, auspacken und in Dankbarkeit weiter-reich-en. „Unbox your life“ könnte der Slogan des erwachenden Universums lauten.

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In diesen unseren Platz im Mosaik dürfen wir geduldig hineinwachsen. Sei entspannt, auch wenn du immer wieder an dir zweifelst, wenn du dich fragst, was du denn schon zu geben hättest oder wenn Ängste dich zurückhalten, für das einzutreten, was dir am Herzen liegt. Uns in unserer vollen Größe, in unserem Strahlen und in unserer Weisheit und Liebe zu zeigen ist das, was wir am meisten fürchten. Denn oft bedeutet es, unsere Komfortzone auszudehnen und alle Masken fallen zu lassen. Es heißt nicht selten, gegen den Strom zu schwimmen, alte Sicherheiten, Beziehungen und Gewohnheiten loszulassen.

Wir fürchten, wir würden verletzlich und angreifbar, wenn wir authentisch sind und unsere wahre Essenz leben. Doch nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt. Je mehr wir mit uns selbst verbunden sind, je mehr wir aus dem Feuer unseres Herzens und unserer inneren Begeisterung heraus leben, umso sicherer sind wir. Denn an dem Ort, an dem wir echt und frei sind, gibt es niemanden, der uns verletzen und nichts was verletzt werden könnte.

Stattdessen sind wir in einer Art kollektivem Wahn gefangen, der besagt, dass das Leben hart und beschwerlich sei, dass es edel sei zu leiden und zu jammern, dass wir uns anpassen und uns selbst verraten müssten um akzeptiert zu werden. Dann fragen wir uns:

  • Darf ich glücklich sein, während die Menschen um mich unzufrieden sind?
  • Darf ich ich selbst sein, während die anderen sich verbiegen und ihre Lebendigkeit faulen Kompromissen opfern?
  • Darf ich strahlen, während meine Mitmenschen ihr Licht herunter dimmen?
  • Darf ich frei sein, während andere sich versklaven?
  • Darf ich groß und reich sein, während meine Freunde sich klein machen?


Darfst du? Willst du? Niemand entscheidet das außer dir selbst!

Ich frage meine neuen Klienten immer nach einem „roten Faden“, der sich durch ihr Leben zieht, nach einem Glaubenssatz oder Muster, das ihrem Dasein einen unverwechselbaren Stempel aufdrückt. Ich frage: „Wenn du deinem bisherigen Leben eine Überschrift geben müsstest, wie würde die lauten?“ Eine wundervolle Frau von Ende dreißig gab mir vor kurzem die Antwort: „Das ist nicht mein Leben!“ Dieser Satz hat mich zutiefst bestürzt und traurig gemacht.

Die meisten von uns haben sich selbst vor langer Zeit irgendwo in den Lügen und Zwängen des Alltags verloren. Wir sind oft so weit von unserem Wesenskern entfernt, dass wir unsere wahren Bedürfnisse und Wünsche kaum kennen, uns nichts mehr zutrauen und viel zu viel von uns zurückhalten.

Doch es ist nie zu spät, sich selbst neu zu entdecken. Was bringt dein Herz zum Singen? Welche Gaben schlummern in dir? Womit möchtest du der Welt dienen? Wie würde dein Leben aussehen, wenn du dich selbst vollkommen lieben und im Urvertrauen leben würdest, wenn es niemanden gäbe, mit dem du dich vergleichen oder dem du etwas beweisen müsstest? Wofür möchtest du dich einsetzen mit jeder Faser deines Seins, wofür lohnt es sich aufzustehen? Was ist dir wirklich wichtig? Welche wertvollen Erkenntnisse und Lebenserfahrungen möchtest du teilen? Wofür möchtest du dein Leben geben – nicht im Sinne von sterben, sondern viel abenteuerlicher: im Sinne von wahr-haftig leben?

Im NLP gibt es die Technik des Modelling. Man sucht sich ein Rollenmodell, ein Art Avatar aus dem echten Leben oder auch in Form einer Filmfigur oder eines Comic-Helden, und versucht, dessen „Aura“ zu adaptieren: Wie spricht diese Person, wie ist ihre Körperhaltung, wie bewegt sie sich, wie geht sie an Probleme heran, was glaubt sie über sich selbst und über das Leben, wie fühlt sie? Indem man sich immer wieder mit dieser Energie verbindet, etabliert man ein neues Schwingungsfeld in sich und entwickelt sich quasi durch Imitation des Vorbilds.

Ich finde diese Technik nicht schlecht. In der Regel fühlen wir uns von Menschen angezogen und angesprochen, die uns ähnlich sind, und die ähnliche Werte und Potenziale leben, wie wir sie in uns tragen. Doch indem wir so wie sie sein wollen, versuchen wir damit nicht letztlich, ein anderer/eine andere zu werden? Wollen wir wirklich in die Fußstapfen eines anderen treten und dessen Weg gehen?

Wie wäre es, wenn du stattdessen dich selbst in deiner vollen Größe und Lebendigkeit als Modell nehmen würdest? Wenn du mehr und mehr in die mutige, freie, kraftvolle und leuchtende Version deiner Selbst hineinwachsen würdest? Wenn du nicht einen anderen suchen, sondern dich selbst wiederfinden würdest?

Wer bist du, wenn du aus dem Feuer deines Herzens lebst? Wie sprichst du und wie bewegst du dich, wenn du voller Vertrauen in dich und in die Welt bist? Was denkt es in dir, wenn du erfolgreich deine Träume umsetzt? Wie fühlt sich dein Körper an, wenn du dich von fremden Erwartungen und von der Vergangenheit befreit hast? Lass dich von diesem Gefühl und dieser Wahrnehmung leiten, denn sie bringen dich wieder nach Hause zu dir selbst.

Umgib dich mit Menschen, die dich in deinen wahren Zielen ermutigen und mit dir zusammen den Boden bereiten, auf dem ihr gemeinsam wachsen könnt. Menschen, die dich feiern und in deren liebenden Augen du dich selbst in deinem Strahlen erkennen kannst.

Weiß dein Partner, wissen deine Freunde, was deine größten Träume, was deine Herzensvisionen sind? Wissen sie, welches Licht in dir schlummert? Kennen sie deine Medizin? Wissen sie, was dich glücklich macht? Kennen sie deinen Sinn des Lebens? Glauben sie unerschütterlich an dich oder projizieren sie ihr eigenen Zweifel auf dich? Es ist so wichtig, dass wir uns ein liebevolles, unterstützendes Umfeld suchen, in dem wir uns zeigen und sicher fühlen können, um über unser altes Ich hinaus-, und in uns selbst hineinwachsen zu können. Als Kinder haben wir keinen Einfluss, in welche Familie wir geboren werden, aber als Erwachsene haben wir die Wahl!

„If you can dream it, you can do it!“, hat Walt Disney einmal gesagt – „Wenn du es träumen kannst, kannst du es auch tun.“ Sei gnädig mit dir in deinem Zögern und Zaudern, mit deinen Schwächen und deiner Bequemlichkeit. Es ist ok, wenn du dich hin und wieder in dein so vertrautes Ohnmachtsgefühl, in deine Angst und Kleinheit hineinfallen lässt, um auszuruhen. Aber dann lass dich auch wieder sanft anstupsen von der beharrlichen Stimme in dir, die dich bei deinem Namen ruft. Ja, sie meint dich und sie weiß, was für Löwenkräfte in dir schlummern. Sie kennt deine Medizin, und wartet darauf, dass du aus deinem Schneckenhaus herauskriechst, um sie zu teilen. Sie schenkt dir Visionen und Träume, die deine kühnsten Vorstellungen übersteigen mögen – aber sie weiß, dass du es kannst. Denn wenn du es träumen kannst, kannst du es auch tun!

In Liebe zum Leben!

Lokah samastah sukhino bhavantu – Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich und frei sein!

Deine
Christine Ruhland

(Bild: Denise Husted, Pixabay)

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Manchmal fühlt sich das Leben so an als trieben wir in einer winzigen Nussschale über den vom Sturm aufgewühlten Ozean. Die Elemente peitschen uns mit aller Härte ins Gesicht, kein Fünkchen unseres Seins bleibt unverschont: Was wir lieben und kennen, bricht weg, wir sehen kein Licht am Horizont, und die Angst vor dem Unbekannten schnürt uns die Kehle zu. Wir haben keine Kontrolle mehr und können nur warten bis die Wellen sich wieder beruhigen. Vertrauen, hoffen, loslassen.

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Trauer, Verlust, Misserfolg, Krankheit, Angst und Einsamkeit überfallen uns oft urplötzlich und ungeplant. Wir alle kennen solche Situationen, in denen alles zusammenbricht, in denen wir von negativen Emotionen und belastenden Ereignissen einfach überrollt werden.

Das ist das Leben und die Geschichte eines jeden Menschen!

„Das Prinzip des Rhythmus“ ist eines der sieben hermetischen Gesetze. Heraklit spricht von „panta rhei – alles bewegt sich fort und nichts bleibt“. Für mich ist diese Weisheit die wichtigste Metapher zum Verständnis des Lebens. Es geht um die Veränderung und den Rhythmus, dem alles in der Natur unterliegt: Schau dir den Wechsel der Jahreszeiten an, den Mondrhythmus, die Gezeiten des Meeres, Tag und Nacht, das rhythmische Schwingen unserer Organe, den weiblichen Zyklus, die Übergänge von Geburt – Jugend – Blüte – Alter – Tod, und so weiter. Kennzeichen alles Lebendigen ist, dass es beständig im Fluss ist und einem Rhythmus folgt.

Und so ist es auch im Laufe unseres Lebens. Auf ein Hoch folgt irgendwann ein Tief und darauf wieder ein Hoch. Du kennst die Symbolik der durchgehenden Linie bei Herzschreibern? Die gerade Linie ist der Tod. Das Fehlen von Rhythmus, von Auf und Ab, steht im Widerspruch zum Leben.

Wenn man dieses Prinzip akzeptiert hat, dann macht es auch keinen Sinn mehr, am Schönen krampfhaft festhalten zu wollen und gegen das Schwere anzukämpfen. Der Buddhismus erinnert uns immer wieder daran mit den bekannten Worten der Gelassenheit: „Auch das geht vorüber“.

Alles geht vorüber, die schönen Momente genauso wie die leidvollen. Daher dürfen wir die glücklichen Zeiten ohne Anhaftung und Angst voll auskosten, feiern und genießen, im Vertrauen, dass auch wieder neue glückliche Momente nachkommen werden. Und wir dürfen uns in den Schmerz fallen lassen, wenn das Leben uns einen üblen Streich spielt. Wütend sein, traurig, verletzt und verzweifelt, ohne in Widerstand zu gehen – ganz im Vertrauen, dass auch das irgendwann vorüber geht.

Anhaftung und Widerstand bedeuten Stagnation. Und Stagnation ist mit dem Leben nicht vereinbar! Nichts in der Natur steht je still, nichts verweigert sich, nichts hält fest.

Nun, denken sich die „Spirituellen“, wenn ein unbewusster Mensch vom Leben niedergeknüppelt wird, dann ist das seinem Mangel an spiritueller Reife und mentaler Stärke zuzuschreiben. Wie aber kann uns das passieren? Immer wieder hören wir dann dieselben wuterfüllten, resignierten Aussagen: „Jetzt habe ich vier Wochen lang jeden Tag meditiert, und DAS ist der Lohn dafür!“, oder „Jetzt ging’s mir wochenlang so gut, ich war so glücklich, und jetzt haut’s mich einfach um“, oder „Ich arbeite so viel mit Affirmationen und Mantras, und einen Sch… hat’s gebracht!“ oder „Ich war auf so vielen Seminaren und bei so vielen Therapeuten, und hab alles aufgelöst…, und nun passiert das!“, oder „Ich bin doch schon so bewusst, wie kann das sein, dass mir so etwas widerfährt?“

Ja, wir sind unglaublich machtvolle Schöpfer. Durch das was wir ausstrahlen, was wir fühlen und denken, beeinflussen wir unsere Welt, unser Er-Leben, in hohem Maße. Das Universum gleicht einer großen Leinwand, auf der wir unser Kunstwerk verewigen dürfen. Doch das ist – wie es aussieht – nur eine Seite der Wahrheit.

Wir haben uns in spirituellen Dingen so viele Konzepte zurechtgelegt, um uns Sicherheit, Kontrolle und Vorhersehbarkeit zu erschleichen. Doch das Leben lehrt uns eines Besseren. „Die einzige Sicherheit, die wir haben, ist unser freies, weites Herz“ – warum wiederhole ich diese Weisheit so beständig? Du kannst noch so viel und so erfolgreich kreieren, Mentaltechniken und Affirmationen, Mantras und Meditationen üben, am Ende passieren Dinge einfach. All diese Techniken können dich nicht gänzlich davor schützen, dass dein Partner dich betrügt, dein Haus abbrennt, dein Kind überfahren wird, dein Geschäft Pleite geht oder du eine schwere Krankheit bekommst.

Selbst große spirituelle Meister haben Zeit ihres Lebens unter Schmerzen gelitten, einen Schlaganfall bekommen oder sind an Krebs erkrankt. Nichts auf der Welt – nicht einmal die Erleuchtung – kann uns vom Leben befreien! Warum geschehen solche Dinge sogar sehr bewussten Menschen? Ich suche schon lange keine Antwort mehr darauf. Niemand kann das beantworten. Und es ist auch nicht wichtig. Wichtig ist nur, das Offensichtliche zu akzeptieren: dass wir letztlich NICHTS unter Kontrolle haben. Es kann uns jederzeit hart treffen. Allein diese Wahrheit zuzulassen, bringt Heilung und Trost. Und dabei geht es niemals um Schuld, Fehler, Sünde, Karma oder Versagen, sondern das IST das Mysterium des Lebens.

Wir dürfen – trotz „The Secret“ und wundervoller Mentaltechniken – endlich begreifen, dass das Leben und der spirituelle Weg uns nichts schulden. Du kannst zwanzig Jahre lang täglich meditieren und der Welt in Liebe dienen, und dann bricht plötzlich ein schweres Unglück über dir herein. War dann alles umsonst? Was wolltest du dir erkaufen? Das ist das Problem, wenn das Ego auch unseren spirituellen Weg bestimmt: Dann meditieren wir und sind freundlich und rezitieren unsere Mantras, um einen Lohn dafür zu bekommen: Ewiges Glück, ewige Gesundheit, ewige Freude, ewigen Reichtum – oder zumindest ein Stück vom Himmel oder eine glanzvolle Wiedergeburt nach dem Tod.

Ich bin selbst ein großer Fan von Herzkohärenz-Meditationen, von Visualisierungen und Mantras, von Atemübungen und Trancereisen. Ich wende sie regelmäßig an und unterrichte sie, um Menschen in ihre Kraft, und ihr Potenzial zum Erblühen zu bringen. Aber das sind alles nicht mehr als Techniken der mentalen Stärkung, der energetischen Lenkung, der körperlichen und seelischen Gesunderhaltung, der Fokussierung und der Beruhigung. Sie dienen der Entwicklung unserer Persönlichkeit, der Zielerreichung und der Potenzialentfaltung. Und damit dienen sie einem Zweck und sollen ein bestimmtes Ergebnis bringen. Das ist wunderbar und soooo wertvoll. Aber es hat leider nichts mit dem spirituellen Erwachen und klarem Bewusstsein zu tun.

Diese „um zu“-Meditationen sind keine wirkliche Meditation. Sobald Meditation einen Zweck erfüllen soll – von Schmerzen befreien, glücklicher machen, inneren Frieden oder Erfolg bringen, das Erwachen herbeiführen, usw., dann ist es keine mehr. Dann ist es ein Instrument des Ego. Was keineswegs verwerflich ist, sondern ein wichtiger Teil unseres Menschseins.

Diese Art von Übungen sollen uns etwas geben. Die wahrhaftige spirituelle Praxis dagegen soll uns alles nehmen. Sie soll uns frei und leer machen.

Bevor du nun verzweifelst und dich in einen Entweder-Oder-Konflikt stürzt…. Meinem Empfinden und meiner Erfahrung nach geht beides zusammen – muss vielleicht sogar Hand in Hand gehen. Wir sind Wesen, die sich in der Dualität bewegen. Wir sind Teil dieser Illusion und doch außerhalb davon. Wir sind Materie und reines Bewusstsein. Daher nehme ich stark an, dass es genauso sein soll, dass wir unsere einzigartigen Gaben entfalten, vielfältige Erfahrungen sammeln, unseren Körpertempel ehren,  das Leben in seiner ganzen emotionalen Bandbreite fühlend wahrnehmen, uns für diese wunderbare Welt in ihrer Schönheit einsetzen, uns in authentischen Beziehungen üben – und gleichzeitig die wahre Natur unseres Seins sich entfalten lassen, die nichts ist und die nichts will. Einzig in diesem Raum erfahren wir inneren Frieden und Verbundenheit mit allem was ist – ungeachtet aller Turbulenzen und Tragödien unseres Lebens.

Jede Lebenskrise bietet uns genau diese Chance: die Grenzen unseres Ego zu sprengen, eins zu werden, unser Herz in Güte und Mitgefühl für uns und die Welt weit zu machen und zu erkennen, dass wir alle dieselbe Erfahrung teilen. Ich möchte dir dazu eine Geschichte erzählen:

Es war einst zu Lebzeiten Buddhas eine junge Frau, deren Mann gestorben war. Sie war untröstlich darüber, doch zumindest hatte sie noch einen Sohn, für den sie stark geblieben war und weiterlebte. Doch eines Tages starb auch ihr Sohn. Da Buddha gerade durch das Dorf kam, bat sie ihn voller Verzweiflung, ihren Sohn wieder lebendig zu machen. „Er ist das Einzige, was ich habe. Du hast das Rad von Leben und Tod überwunden und kannst mir meinen Sohn zurückbringen. Bitte, ich kann niemals über diesen Schmerz hinwegkommen.“ Buddha willigte ein unter der Bedingung, dass die Frau ihm bis zum Anbruch der Nacht eine Handvoll Senfkörner aus jedem Haus des Dorfes bringe, in dem noch nie ein Mensch verstorben war. Voller Hoffnung machte sich die junge Frau auf den Weg. Gern waren die Bewohner bereit, ihr Senfkörner zu geben, aber keiner konnte die Bedingung des Buddha erfüllen. Es gab keine Familie, die nicht schon einen schmerzlichen Verlust erlitten hatte. Da verstand die Frau, dass sie nicht allein war. Tod, Abschied und Schmerz gehörten zum Leben und waren Teil der Erfahrung jedes Menschen. Selbst wenn sie ihren Sohn jetzt zurückbekommen hätte, wäre er doch früher oder später wieder gestorben. So willigte sie in ihr Schicksal ein und wurde Buddhas Schülerin. Anstatt sich aufzureiben im Widerstand gegen das Leiden, wollte sie den zeitlosen Ort in sich finden, an dem weder Geburt noch Tod existent waren.

Jede Lebenskrise – ob Trennung, Verlust, Krankheit oder Misserfolg – ist eine Gelegenheit zum Erwachen. In diesen Situationen können wir erkennen, dass unser Schmerz auch der Schmerz aller anderen fühlenden Wesen ist. Doch gerade dann sind wir häufig versucht, in die Trennung zu gehen. Denn das Ego liebt das Drama und will in jeder Situation auf Teufel komm raus etwas Besonderes sein, sogar dann noch – oder vielleicht gerade dann – wenn alles zusammenbricht. Es suggeriert uns, dass es das Schicksal mit uns besonders fies meine, dass unser Leid das der anderen bei weitem übersteige, dass wir einfach viel sensibler und feinfühliger seien als der Rest der Welt, dass gerade wir das nicht verdient hätten, und dass wir die einsamsten und ärmsten Geschöpfe auf Mutter Erde seien. So wie die Frau aus der Geschichte, die in ihrem Schmerz übersieht, dass alle Menschen genau dieselbe Erfahrung machen.

Diese Reaktion ist absolut menschlich und in der akuten Betroffenheit vollkommen nachvollziehbar. Doch irgendwann sollten wir unser Herz öffnen und aus der Enge unseres Opferbewusstseins und unseres exklusiven Anspruchs auf (Mit-)Leid austreten. Gut, wenn wir in so einer Situation einen wachen Menschen um uns haben, der uns hilft, unsere Situation von außen zu betrachten und uns bewusst zu werden, dass wir – so schmerzlich es auch ist – nicht mehr als eine menschliche Erfahrung durchleben, die in keinem Haus der Welt unbekannt ist. Es darf getrauert und gefühlt werden – nichts anderes existiert in diesem Moment. Nichts anderes ist wichtig.

Uns dem Ozean des Lebens vollkommen anzuvertrauen und mitzufühlen mit uns und allen Wesen in diesem unberechenbaren wilden Tosen, ist in Wahrheit unsere einzige Chance auf wahres Menschsein. Wir sind der Ozean und doch identifizieren wir uns mit der Nussschale. Das ist der Urschmerz in uns allen. Und diesen Schmerz können wir nur gemeinsam heilen in Mitgefühl und Liebe, und im Erwachen unseres Bewusstseins.

Den Schmerz, die Enttäuschung und den Kummer unkommentiert und urteilsfrei anzunehmen und zu durchleben ohne in die Trennung zu gehen, ist die große Herausforderung. Sich im stillen Gewahrsein der Erfahrung hinzugeben und sich vom Leid und von der Liebe aller Wesen zu allen Zeiten tragen und trösten zu lassen. Wenn es uns gelingt, in der Krise unser Herz im Mitgefühl mit uns selbst und mit ALLEM und für ALLES aufzubrechen, öffnet sich der Raum des reinen Bewusstseins und tiefe Heilung darf geschehen.

Das ist der Moment, an dem eines meiner Lieblingsmantras wahrhaftig wird:
Lokah samastah sukhino bhavantu – Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich und frei sein!

Deine Christine Ruhland

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Die Menschheitsgeschichte begann mit einem Akt des Ungehorsams, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie mit einem Akt des Gehorsams ihr Ende finden wird.“ Erich Fromm

Stell dir vor, du würdest alles vergessen, was du je an religiösen Prägungen, an esoterischen Konzepten und spirituellen Unterweisungen gehört oder gelesen hast. Was wäre dann übrig? Gibt es überhaupt irgendeine mystische Erfahrung oder eine tiefe Seins-Erkenntnis, die aus dir selbst heraus kommt, oder gäbe es dann gar nichts mehr? Das Charakteristische am „Glauben“ ist ja, dass wir die Geschichten, die uns erzählt werden, glauben können oder eben auch nicht. Was glauben wir nur, und was entspringt unserer eigenen tiefen inneren Weisheit, einer Religiosität, die tief in unserer Essenz wurzelt?

Würde dein Gott existieren, wenn dir nie jemand die Geschichte von dem guten (oder auch strafenden) alten Mann erzählt hätte, wenn es keine Kirche und keinen Religionsunterricht gäbe? Würdest du dir einen Kopf um „Portaltage“, um das Geheimwissen von Atlantis und heilende Engelessenzen machen, wenn dir nicht irgendjemand diesen Floh ins Ohr gesetzt hätte? Hättest du eine Vorstellung von Sünde oder Karma, von Reinkarnation oder „Seelenverträgen“, wenn du diesen Konzepten nicht durch Sozialisation, Bücher oder Seminare begegnet wärst?

Wir sind dermaßen geprägt von der Kultur, in der wir aufwachsen, und später dann von dem spirituellen Umfeld, das wir selbst wählen, dass wir gar nicht merken, wie viele Konzepte, Dogmen und Weltbilder wir ungeprüft und unkritisch übernehmen.

Der Mensch ist ein Herdentier. Und so suchen wir auch auf unserem spirituellen Weg nach einer Herde, der wir uns anschließen können. Nichts ist für den Menschen schlimmer, als von einer Gemeinschaft ausgeschlossen und alleine zu sein. Vor langer, langer Zeit waren wir nur im Sozialverbund überlebensfähig, und so ist das uralte Programm der Unterordnung und des Mitlaufens mit der Masse tief in unseren Instinkten verankert. Die medizinische Wissenschaft sagt, dass der größte bekannte Stressor und die wichtigste psychische Ursache für Krankheit das Gefühl des Ausgeschlossenseins bzw. der Nicht-Zugehörigkeit darstellt. Wer schon einmal Mobbing im Arbeitsumfeld erlebt hat, in der Klasse oder von der Freundesclique ausgeschlossen, oder von der Familie geächtet wurde, der weiß, wie schlimm das Gefühl des erzwungenen Alleinseins sein kann.

In Glaubensfragen ist es offensichtlich nicht anders. Wir fühlen uns wohl und sicher, wenn wir Menschen um uns haben, die an dasselbe glauben wie wir, die dasselbe Weltbild teilen, dieselben Ansichten, Werte und Verhaltensregeln propagieren und uns damit indirekt suggerieren: „Du machst alles richtig, du gehörst zu uns, wir sind überlegen, wir sind im Besitz der Wahrheit!“ Wir identifizieren uns mit unserer Glaubensgruppe oder einer esoterischen Bewegung und grenzen uns gleichzeitig gegenüber „den anderen“ ab. Und dabei vergessen wir, wie es scheint, allzu oft jegliche Urteilsfähigkeit und kritische Distanz, die eine reife, selbstbewusste Persönlichkeit ausmacht. Wir glauben ohne zu hinterfragen die zum Teil absurdesten Dinge, plappern das Gehörte und Gelesene undifferenziert nach, pflegen seltsame und oft sinnentleerte Rituale, oder geben viel Geld für magische Gegenstände und pseudo-religiösen Schnickschnack aus. Wenn man nachfragt, dann erhält man immer die gleichen Antworten: Das haben die Aborigines, die Indianer oder Maya schon vor Tausenden von Jahren erkannt oder so gemacht, das ist das überlieferte Wissen von Atlantis, das steht in der Bibel, das sagte der Papst oder der Guru Sowieso, das habe ich beim letzten Engel-Channeling erfahren oder das hat meine Lieblings Esoterik Autorin so geschrieben und meine Freundinnen glauben das auch alle. Juchhu!!! Es lebe die Spiritualität! Oder?

Was wir dabei vergessen ist, dass Spiritualität gar nichts – aber auch rein gar nichts – mit institutionalisierter Religion, mit festen Konzepten oder esoterischen Praktiken zu tun hat. Um spirituell zu sein, musst du ein Revoluzzer sein, mutig genug, um in altvertraute und gleichzeitig doch gänzlich unbekannte Welten einzutreten. Mutig genug, all die Ideen und Gedankengebäude, die du dir mühsam aufgebaut hast, zum Einsturz zu bringen und in die Erfahrung des NICHTS einzutauchen. Und du musst vor allem bereit sein, aus der Sicherheit und komfortablen Übereinkunft der Herde auszusteigen und dir selbst zu begegnen. Ich denke, wir müssen die Erfahrung des All-ein-Seins machen um in die All-ein-heit einzutreten. Mein „spiritueller Weg“ jedenfalls ist ein recht einsamer Weg – aber es ist genau richtig so. Nie mehr möchte ich mich gefangen nehmen lassen in den Konzepten und Weltanschauungen anderer. Nirgendwo finde ich echte Heimat außer in mir selbst. In mir selbst ist Alles und Nichts. Meine Weggefährten sind die Freidenker, die Mutigen, die Leeren. Die, die das Nichtwissen verehren. Die, die sich vertrauensvoll der eigenen Erfahrung hingeben statt Fremdes nachzuplappern. Die, die keine Antworten haben. Die, die das Leben in seiner Schönheit und Tragik gleichermaßen verehren und alles in ihr Herz nehmen können ohne in Gut und Böse zu unterteilen. Die, die keine Religion und keinen Gott brauchen – weil sie erkannt haben, dass sie Leben sind, das niemals und nirgendwo beginnt und endet. Die, die den Inhalt über die Form stellen.

Früher gab es vereinzelte Mystiker, heute gibt es spirituelle Lehrer wie Sand am Meer, die nicht selten vor sich selbst davon laufen und sich hinter schlau klingenden pseudospirituellen Platitüden verstecken. Ein Mystiker ist ein Mensch, den es so sehr nach Erkenntnis dürstet, dass er alle Bücher, alle wissenschaftlichen Studien und Glaubenskonstrukte loslässt um in die pure Erfahrung des Seins einzutauchen und Erkenntnis in der Begegnung mit sich selbst zu finden. Ein Mystiker ist einer, der sein Herz weit gemacht und den Mund verschlossen hat, weil er angesichts der Größe seiner Erfahrung keine Worte findet um sich mitzuteilen. Und weil es schon gar kein vom Verstand zu begreifendes Konzept, keine Ideologie, „Regelwerk“ oder „Lehre“ gibt. Wenn Worte überflüssig sind, bleibt kein anderes Ventil als Liebe, Poesie, Malerei, Tanz oder Musik – oder die Stille und einfache Hingabe ans Tun. Ein Mystiker ist ein Mensch, der keine Antworten gibt, sondern andere ermutigt, selbst in die Erfahrung einzutreten. Wann verstehen wir das endlich: Es gibt NICHS zu lehren und NICHTS zu lernen. Es gibt keine Antworten. Es gibt das Mysterium des Lebens, das jeder frei, unvorbereitet und unverdorben in sich selbst entdecken darf.

Wenn du bis hierher gelesen hast, dann gehörst du wohl zu den Revoluzzern? Oder du bist genervt von esoterischem Gehabe oder von Jahrtausende alten Konzepten, die dich einengen statt frei zu machen? Vor kurzem hat mir eine nette Blog-Leserin einen 7-seitigen Brief voll mit spirituellen Fragen geschickt. Ich konnte keine einzige beantworten – und habe dennoch in ebenfalls 7 Seiten versucht, ihr Mut zur eigenen Erfahrung zu machen und damit aufzuhören, sich im esoterischen Konkurrenzkampf um „wer sieht mehr, wer nimmt mehr wahr, wer weiß mehr?“ minderwertig zu fühlen.

Wenn du also auch aus diesem Hamsterrad der religiösen Indoktrination aussteigen möchtest und frei werden/sein willst, dann übe dich in spirituellem Ungehorsam. Nimm nicht mehr länger alles hin, was dir an Weisheiten und Theorien aufgetischt wird. Sei kritisch, frag nach! Setz deinen gesunden Menschenverstand ein, prüfe alles in deinem Herzen. Überleg dir, aus welcher Zeit und aus welcher Kultur bestimmte Überlieferungen und Rituale stammen und frage dich, ob das hier und heute für dich tatsächlich stimmig ist. Und wenn nicht, dann trau dich, das alles über den Haufen zu werfen und dein Eigenes daraus zu machen. Trau dich, Gebote und Regeln zu brechen! Entwickle für deine Feiern des Lebens deine eigenen Rituale und halte nicht zwanghaft an Überliefertem fest. Sei die Pippi Langstrumpf unter lauter spirituellen Traditionalisten und esoterischen Besserwissern!

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Der Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm definierte Ungehorsam als die Bejahung von Vernunft und eigenem Willen. Es gehe nicht darum, gegen etwas zu kämpfen oder gar ungestüm aggressiv zu sein, sondern gerade um eine Haltung, die sich für etwas einsetzt. Wir sollten einfach nur wach sein, die Dinge in unserem Herzen und Verstand prüfen und dann laut ausdrücken, was wir als Wahrheit erkannt haben, statt Dinge nachzureden, die wir von anderen übernommen haben und blind einer Masse zu folgen. Um den common non-sense zu entlarven braucht es aber viel Selbstbewusstsein: „Um ungehorsam zu sein, muss man den Mut haben, allein zu sein, zu irren und zu sündigen. Die Fähigkeit zum Mut hängt aber vom Entwicklungsstadium des Betreffenden ab. Nur wenn ein Mensch sich vom Schoß der Mutter und den Geboten des Vaters befreit hat, nur wenn er sich als Individuum ganz entwickelt und dabei die Fähigkeit erworben hat, selbständig zu denken und zu fühlen, nur dann kann er den Mut aufbringen, zu einer Macht nein zu sagen und ungehorsam zu sein. Ein Mensch kann durch den Akt des Ungehorsams, dadurch dass er einer Macht gegenüber nein sagen lernt, frei werden; aber die Fähigkeit zum Ungehorsam ist nicht nur die Voraussetzung für Freiheit – Freiheit ist auch die Voraussetzung für Ungehorsam. Wenn ich vor der Freiheit Angst habe, kann ich nicht wagen, nein zu sagen, kann ich nicht den Mut aufbringen, ungehorsam zu sein. Tatsächlich sind Freiheit und Fähigkeit zum Ungehorsam nicht voneinander zu trennen. Daher kann auch kein gesellschaftliches, politisches oder religiöses System, das Freiheit proklamiert und Ungehorsam verteufelt, die Wahrheit sprechen.“ (Erich Fromm: „Über den Ungehorsam“)

Ich war einmal auf einem indianischen Powwow, einer Zusammenkunft verschiedener indianischer Stämme, bei der gemeinsame Tänze und Rituale gepflegt werden. Für diesen Zweck wurde zu Beginn von der Zeremonienmeisterin in der Halle ein Kreis errichtet und gesegnet. Ab diesem Zeitpunkt durfte man den Kreis nur noch an einer bestimmten Stelle betreten, aber nicht einfach so durchlaufen – und das bis zum Abschluss des kompletten Wochenend-Events. Am Abend des ersten Veranstaltungstags, nachdem der offizielle Teil vorbei war, spielten ein paar kleine Kinder in der Halle, und dann passierte es: ein Junge, der voll im Spiel und im Lachen und Fangen versunken war, durchquerte den Kreis – was ein empörtes „Aufstöhnen“ der erwachsenen Anwesenden nach sich zog. Der Junge wurde dann ziemlich gemaßregelt, musste sich förmlich entschuldigen und noch einmal außen um den Kreis herum laufen. Ich konnte die Aufregung überhaupt nicht verstehen. Wird hier das Leben gefeiert oder der Tod? Wird das kreative Potenzial im Menschen geehrt oder militärischer Gehorsam? Was ist das für eine Kraft, die man da anbetet, die ein spielendes, lachendes Kind, das seltsame Regeln durchbricht, nicht tolerieren kann? Gibt es einen größeren Ausdruck von purer Liebe und Spiritualität als ein Kind, das in seiner unbändigen Lebensfreude ganz im Hier und Jetzt ist und alles um sich herum vergisst? Das ist das erhabenste Gebet, das ich mir vorstellen kann! Und genau das meine ich mit fragwürdigen Ritualen. Dienen Rituale und Regeln wirklich der Feier des Lebens und dem kreativen Lebensausdruck oder wird hier die Form mehr verehrt als der Inhalt? Ich habe nichts gegen Kraftkreise. Das ist toll und schön, sich in dieser Energie und dem geschützten Rahmen einzuigeln – so lange wie es passt. Aber wer wirklich spirituell ist und das reine Bewusstsein verehrt (frei von Angst), kann ein Durchbrechen dieses Kreises doch nur mit einem amüsierten Lachen quittieren – einem Lachen der Erleichterung sogar, denn jede Grenze ist dazu da, irgendwann durchbrochen zu werden. Es braucht nur den Mutigen, der das tut! Ich habe einmal gelesen, dass die alten Meister im tantrischen Buddhismus gerade die Aufmüpfigsten und Unangepasstesten als Schüler wählten. Wem sonst sollte es gelingen, Grenzen zu durchbrechen und ein neues Bewusstsein in die Welt zu bringen…

In der Kirche erleben wir diese mechanischen Riten und Regeln oft genauso: Kennst du die abwertenden Blicke von der Seite, wenn man sitzen bleibt, wenn alle anderen aufstehen, oder wenn man sich nicht bekreuzigt, während alle anderen das tun? Auch das sind seit ewigen Zeiten ritualisierte Abläufe. Ich verstehe das irgendwo und kann das annehmen als Übereinkunft der Betenden, aber muss es immer so festgefahren sein? Darf es nicht einfach mal anders sein? Und wie kann es sein, dass sich fromme Menschen in liebevoller Verbindung mit dem Göttlichen so aus ihrer Mitte bringen lassen, wenn ein Schaf in der Herde nicht das gleiche macht wie alle anderen? Worum geht es da??? Mehr um die Form als um den Inhalt? Mehr um das Herdentum als um die eigene Freude und das Erwachen?

Ähnlich ist es mit spirituellen Symbolen. Es mutet ein wenig verdächtig an, wenn sich Leute allzu offensichtlich mit derartigem Zeug umgeben und behängen: da kleben alle Wände voll von „Blume des Lebens“ Symbolen, auf jeder Kommode steht ein Kristallschädel, das ganze Regal ist voller Engelessenzen, in jedem Zimmer hängt ein Kreuz, und um den Hals baumeln kiloweise Ketten mit Om-Anhängern und Pentagrammen. Wer so viel Äußerlichkeit braucht, fehlt es dem vielleicht an innerer Anbindung? Auch hier dürfen wir loslassen und pur sein. Und uns trauen, dem Trend des offensiv nach außen getragenen Licht-und-Liebe Konformismus ein Stück weit zu entsagen.

Ich nahm einmal  – wenig geübt – an einer Meditation teil, in der wir angehalten waren, den Lotussitz und die aufrechte Position nicht zu verlassen. Wie nicht anders zu erwarten war, tat mir nach einiger Zeit alles weh. Ich konnte mich auf nichts anderes mehr konzentrieren als auf den Schmerz. Meine Gedanken kreisten nur noch um die Frage, ob ich jetzt brav den Schmerz erdulden sollte auf Kosten meiner Meditation oder ob ich einfach die Regel brechen und mir eine andere bequemere Position suchen dürfte? Nach langem Kämpfen mit mir selbst und Schamgefühlen entschied ich mich für Letzteres. Inhalt vor Form! Auch hier verstehe ich den Zen-Gedanken: der Schmerz bringt uns in Verbindung mit dem gegenwärtigen Moment. Und irgendwann kommt vielleicht der Punkt, an dem man über den Schmerz hinaus geht und den Körper überwindet. Mag sein. Aber für MICH ist es nicht stimmig. Ich will den Weg mit meinem Körper gehen und nicht gegen ihn. Ich will den Körper nicht überwinden sondern ihn mit Bewusstsein durchdringen. Meditation darf schön sein und muss nicht wehtun. Beide Wege sind ok. Aber ich denke, der zweite ist für viele Menschen der heilsamere. Wir sind es eh gewohnt, uns permanent selbst Schmerz zuzufügen. Wir sind es gewohnt, zu gehorchen und uns zu disziplinieren. Macht es da Sinn, auf dem Weg des Erwachens noch mehr Zwang zu erzeugen, oder dürfen wir da nicht vielleicht einfach loslassen und genießen?

Und noch ein letztes aktuelles Reizthema für mich aus dem Bereich der Esoterik: Portaltage. Ich weiß nicht, warum die so in sind und warum ich so viele Freunde habe, die mich auf facebook jedesmal vor diesen Tagen warnen. Aber anscheinend handelt es sich dabei auch um sehr exklusives Wissen, das man auf dem spirituellen Weg offensichtlich nicht ignorieren darf. Soviel ich mitbekommen habe, sind es wohl bestimmte Tage, an denen man von besonders viel Weisheit durchströmt wird, an denen aber das Energiesystem auch extrem herausgefordert wird, so dass man besonders unter Kopfschmerzen, Müdigkeit und Konzentrationsproblemen leidet, Probleme in der Partnerschaft gehäuft auftreten oder geschäftliche Verluste usw. So ganz hab ich’s auch noch nicht durchschaut: die einen finden’s ganz toll und sagen mir, dass ich die Chance auf Erleuchtung nicht verpassen darf, die anderen jammern, wie schlecht es ihnen geht. Die Weisheit in mir sagt, dass es keinen Tag gibt, der besser oder schlechter ist als ein anderer. Jeder Moment trägt alles in sich. Der heutige Tag, der jetzige Augenblick ist alles was ich habe – ich kann das Beste aus ihm machen oder ich kann mir von irgendwelchen Leuten einreden lassen, dass er schlecht wird. Die Erleuchtung, die Weisheit und Inspiration ist IMMER da – ich habe es zu jeder Zeit in der Hand, mich damit zu verbinden oder mich abzuschneiden. Das geht – glaub es mir! – 😉 an jedem Tag gleich gut oder schlecht! Wer hat diesen Unsinn mit den Portaltagen bloß in die Welt gesetzt und warum wird das so massenhaft verbreitet? Wem will man da Angst machen oder wen beeindrucken? Was macht das für einen Sinn, Konzepte in die Welt zu setzen, die die Menschen verunsichern und sie von ihrer Eigenverantwortung wegführen? Von der katholischen Kirche haben sich deshalb viele abgewendet, aber in der Esoterik oder alternativen Heilerkreisen werden dieselben Mechanismen in anderem Gewand geduldet und sogar befördert. Der Mensch ist doch leicht zu manipulieren… und er geht immer wieder freiwillig in dieselben Muster zurück, vor denen er geflüchtet ist…

Es geht letzten Endes immer um Freiheit. Willst du frei sein oder willst du ewig von einem Gefängnis ins nächste wandern? Leider ist ein Großteil der Menschheit im Tiefschlaf und sieht die Gitterstäbe gar nicht mehr.

Sei kritisch! Frag nach, provoziere, weck auf! Brich die Grenzen auf! Sei ungehorsam! Übernimm nicht jede Behauptung deiner Lieblings Esoterik-Autorin, deines Meisters oder deiner „spirituellen“ Freundin. Sei mutig, gib Kontra, geh deinen eigenen Weg! Tritt aus der Herde heraus und nimm damit auch deinen Freunden die Angst! Ganz besonders die Angst vor dem All-ein Sein und vor der Freiheit! Führ sie dorthin, wo das wahre Mysterium wartet, entdeckt zu werden: zu sich selbst!

Im Kalama Sutta spricht Buddha folgende Worte:

„Geht (…) nicht nach Hörensagen, nicht nach Überlieferungen, nicht nach Tagesmeinungen, nicht nach der Autorität heiliger Schriften, nicht nach bloßen Vernunftgründen und logischen Schlüssen, nicht nach erdachten Theorien und bevorzugten Meinungen, nicht nach dem Eindruck persönlicher Vorzüge, nicht nach der Autorität eines Meisters! Wenn ihr aber (…) selber erkennt: ›Diese Dinge sind heilsam, sind untadelig, werden von Verständigen gepriesen, und, wenn ausgeführt und unternommen, führen sie zu Segen und Wohl‹, dann (…) möget ihr sie euch zu eigen machen.“

Ein bisschen mehr Mut, Kreativität, Freigeist und eine Portion Ungehorsam täte uns allen ganz gut – auch in spirituellen Dingen!

Lokah samastah sukhino bhavantu – Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich und frei sein!

Deine Christine Samira Ruhland

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Wie schön ist das, im Außen einen Zufluchtsort zu haben, an dem man sich geborgen, geliebt und sicher fühlt. Einen Ort, an dem man auftanken, die Seele baumeln lassen, und einfach so sein darf, wie man ist – ohne Maske, ohne Plan und Ziel, ohne Druck. Solch einen warmen Ort der Geborgenheit wünsche ich jedem Menschen aus tiefstem Herzen. Wie grausam muten im Gegensatz dazu die Bilder von vielen Tausenden Flüchtlingen an, die nichts mehr besitzen und nicht wissen wohin, oder von Notunterkünften, die oft gerade mal das blanke Überleben sichern – weit entfernt von einem wirklichen Zu-fluchts-ort…

Wie tröstlich, dass wir alle auch so einen Platz IN UNS haben. Nur ist auch dieser Ort bei vielen Menschen alles andere als ein Ort der Kraft, der Freiheit und der Inspiration.

Ohne Zweifel, wir leben in turbulenten Zeiten! Viele von uns sind mit Armut, Krankheit, Arbeitslosigkeit, Umweltzerstörung, Ungerechtigkeit und Einsamkeit konfrontiert. Allzu oft nehmen wir in unserer Not Zuflucht zu einem Ort im Inneren, der uns altbekannt ist: Wir ziehen uns in die Verzweiflung, die Mutlosigkeit, die Trauer, den Sarkasmus und die Opferrolle zurück. Ich habe größten Respekt und Achtung vor dem Schicksal eines jeden Menschen und kann den scheinbar unüberwindlichen Schmerz und die Opfergefühle aus tiefstem Herzen nachvollziehen, die schwierige Lebenssituationen mit sich bringen. Doch wenn wir ehrlich sind, hat es uns noch nie weiter geholfen, zu resignieren und uns selbst zu bemitleiden. Wenn wir den Zufluchtsort des Selbstmitleids und der Resignation aufsuchen, den wir uns vor langer, langer Zeit gemütlich eingerichtet haben, dann hat unser Monkey Mind – unser ruheloser, verwirrter Geist – gesiegt, der alles dafür tut, das Altbekannte zu bewahren und uns im Schmerz und in der Illusion zu halten. Oftmals scheint das Leid, so übermächtig es auch ist, immer noch besser und sicherer, als das Neue, Unbekannte, das jenseits des Dramas wartet.

Sich im Leid und in der Verzweiflung zu vergraben, hat ja auch etwas Tröstliches an sich. „Opfer“ brauchen weder Angriff noch Herausforderungen zu befürchten. Sie bekommen Aufmerksamkeit, Mitleid und Trost. Doch diese Geschenke sind Almosen im Vergleich zu dem was du dir schenkst, wenn du dich selbst ermutigst, dich selbst liebst und ermächtigst, wenn du aufstehst in deine wahre Größe und vom Opfer zum Schöpfer wirst. Der erste Schritt dabei ist immer, die eigene Verantwortung anzuerkennen – nicht im Sinne von Schuld, sondern gerade im Gegenteil im Sinne von tiefer (Selbst-)Vergebung und Mitgefühl. In dem Moment, in dem du begreifst, dass du deine eigene Geschichte schreibst, hast du die Möglichkeit, dich selbst zu befreien.

Wie also könnte deine kraftvolle Zuflucht aussehen? Beobachte deine Gedanken und stoppe sofort jeden inneren Monolog, der dich klein macht und der deine Mangelgefühle und deine Unzufriedenheit nährt. Übe dich dagegen beständig in neuen Gedankenmustern, in denen du dir bestätigst, wie viel du schon geschafft hast, mit welchen Gaben du gesegnet und wie großartig du bist. Erkenne alles an, was dein Leben reich macht und wofür du dankbar bist. Nimm Zuflucht zu deinem wahren, strahlenden, glücklichen und heilen Selbst. Das ist keine Illusion. Das bist du!

„Ich bin genug“ – ist wohl für uns alle eine der heilsamsten Wahrheiten, in die wir eintauchen können. Als Babys kennen wir keinen Selbstzweifel. Wir lieben es, im Mittelpunkt zu stehen, Aufmerksamkeit zu bekommen und angeschaut zu werden. Wir wissen, dass wir lebens- und liebenswert sind, einfach nur weil wir da sind. Wir haben Freude daran, uns zu zeigen und sind auf eine ganz und gar unprätentiöse Art stolz auf das, was uns ausmacht und was wir tagtäglich lernen und erreichen. Doch leider machen wir irgendwann die bittere Erfahrung, nicht zu genügen: Wir erleben, dass Eltern und Lehrer Erwartungen an uns haben, die wir nicht erfüllen können (oder wollen), wir erzielen schlechtere Leistungen als unsere Klassenkameraden, wir entdecken im Vergleich zu unseren Lieblingsstars jede Menge körperlicher „Makel“, und werden aufgrund unserer Eigenarten kritisiert und zurückgewiesen. Der Zweifel an uns selbst und an unserem Wert ist dann schon tief in unser Sein eingesunken. Wir werden unsicher, bekommen Angst uns zu zeigen und opfern uns selbst um geliebt zu werden. Doch da unser Wissen um das „Ich bin genug“ unsere wahre Essenz ist, können wir es jederzeit wieder reaktivieren. „Ich bin genug“ ist unser sicherer Hafen, der wichtigste Zufluchtsort, was auch immer in unserem Leben geschieht.

Vielleicht magst du auch Zuflucht in eine tägliche meditative Praxis nehmen? Such dir ein schönes, erhebendes Mantra, das du täglich rezitierst. Oder du gehst in die Stille deines Herzens und lauscht dem Frieden in dir. Oder du praktizierst eine Yogasequenz, die dich stärkt und in deine Mitte bringt. Oder du tanzt auf deine Lieblingsmusik und lässt dich von innen heraus bewegen. Was auch immer dich inspiriert, dich frei, selbst-bewusst und friedlich fühlen lässt, weist dir den Weg in deinen wahren inneren Zufluchtsort.

„Zuflucht“ ist auch ein wichtiger Begriff im Buddhismus. Ein spirituelles Leben ist demnach gekennzeichnet durch die Zufluchtnahme zu den 3 Juwelen: zu Buddha, zu seiner Lehre und zur Gemeinschaft. „Zuflucht basiert auf der Erkenntnis und Anerkennung der Möglichkeit, dass jedes Lebewesen das Potential und die Möglichkeit besitzt, sich vollständig vom Leid zu befreien und dass es Wesen gibt, die das erreicht haben und einen selbst auf dem Weg dahin unterstützen. Den Weg geht man aber letztlich selbst, es kann einem von niemandem abgenommen werden. Jeder trägt die volle Verantwortung für den eigenen Weg.“ (Quelle: wikipedia)

Was ist das Gegenteil von Flucht? Ankommen? Vielleicht sollten wir den Zufluchtsort lieber Ankommensort nennen? Tatsächlich dient er uns zunächst als eine Möglichkeit der Flucht aus einem feindlichen Umfeld oder schwierigen Lebenssituationen. Aber wir sollten uns nicht verstecken und einigeln an diesem Ort. Es gibt keinen Grund, uns aus dem Leben zurück zu ziehen. Stattdessen sollten wir vielmehr ankommen in unserer wahren Kraft und aus dieser unermesslichen Kraft heraus unser Potential entfalten.

Flucht macht uns zu Getriebenen, zu Opfern der äußeren Umstände. Wenn wir Zuflucht finden, sind wir zwar erst einmal in Sicherheit, können durchatmen, sind aber immer noch Flüchtlinge. Ankommen aber ist ein Akt der Selbstbestimmung und Ermächtigung. Was würde das für einen Unterscheid machen, wenn wir statt von Flüchtlingen von Angekommenen sprechen würden?

Also finde deinen Ankommensort und erobere von dort aus jeden beliebigen Ort in Zeit und Raum und jenseits davon. Du hast den Willen, die Fähigkeit und das Recht dazu!

Lokah samastah sukhino bhavantu – Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich und frei sein!

Deine
Christine Samira Ruhland

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„Das Herz kennt den Weg“ – ist der Untertitel meines Blogs. Und tatsächlich, unser spirituelles Herz weiß immer, was gut und richtig ist. Es ist der Ort, an dem wir vollkommen verbunden sind mit unserem wahren Selbst und mit Allem-was-ist. Es ist das Zentrum unserer aufrichtigen Liebe, des Mitgefühls, der Freude, Wertschätzung und Dankbarkeit. Ein Leben, das sich aus dem Herzen heraus entfaltet, ist ein Gebet, ein Segen und ein Quell der nie versiegenden Inspiration und Schönheit.

Mein Herzensweg, so fühle ich es immer mehr, ist es, genau diese Freude, Kreativität, Lebendigkeit und Liebe in die Welt zu bringen. Nicht zu heilen, sondern zu ermutigen – nicht zu analysieren, sondern zu befreien – nicht einzulullen, sondern bewusst zu machen – nicht etwas hinzuzugeben, sondern das Falsche weg zu nehmen. Die Menschen zu erinnern an das, was sie in ihrer Essenz sind, und sie unablässig zu ermutigen, ihre einzigartige Farbe und Melodie in die Welt zu bringen. Diese Erde ist – auch wenn es oft nicht den Anschein hat – gut und richtig so wie sie ist, und dennoch haben wir alle die Möglichkeit, sie ein wenig liebevoller, bewusster und heiler zu hinterlassen als wir sie vorgefunden haben. Oder eigentlich ist es nicht DIE Welt, die heiler wird, sondern unsere ureigene Welt, unser Sein und unsere Wirk-lich(t)-keit, die sich verwandelt, je mehr wir unser Herzenslicht verströmen und Liebe leben. Und dazu braucht es nicht mehr, als der Stille des Herzens zu lauschen und der Spur der Freude und Liebe zu folgen. Der Friede in uns entscheidet über den Frieden in der Welt!

In unserem Herzen finden wir die Antworten auf all unsere Fragen, die Lösungen für alle Herausforderungen, und Heilungsimpulse für alle Leiden. Doch Unsicherheit und Zweifel sind oft viel größer als unser Vertrauen in die innere Weisheit. So oft höre ich die Frage: „Wie weiß ich denn, ob es tatsächlich mein Herz ist, das zu mir spricht, und nicht mein Ego oder mein analytischer Verstand?“ Die Frage zeigt nur, wie weit wir uns von unserem Herzen entfernt haben, wie nüchtern wir geworden sind, wie sehr wir uns selbst verleugnet und verraten haben und in was für einer oberflächlichen und oft lieblosen Welt wir uns bewegen. Doch es ist nie zu spät, den Weg in unser Herz zu finden. Mit so vielen Menschen habe ich Herzöffnungsrituale und –meditationen gemacht, und keinem einzigen ist der Zugang je verwehrt geblieben. Wer auch immer du bist, was auch immer du getan hast, was auch immer dir passiert ist, dein Herz heißt dich zu jeder Zeit Willkommen und schenkt dir Trost, Weisheit und Ausrichtung. Es bedarf einzig und allein der Stille, denn die Stimme unseres Herzens ist leise, sanft, subtil.

Wenn du einmal die Stimme deines Herzens vernommen hast, dann wirst du sie niemals mehr verwechseln können. Für mich hat die Botschaft des Herzens ein paar wenige Charakteristika, an denen ich sie unzweifelhaft erkenne:

  1. Die Stimme des Herzens ist immer positiv, klar, bestärkend und liebevoll. Niemals wird ein Funke der Angst, des Zweifels oder der Verurteilung mitschwingen.
  2. Die Botschaft ist einfach. Dein Herz braucht keine spirituellen Konzepte, keinen philosophischen Überbau und keine Wissenschaft. Alles was wahrhaftig und aufrichtig ist, ist einfach. Um das Leben und die Liebe zu verstehen, brauchen wir kein Wissen. Im Gegenteil, je mehr Wissen und Konzepte wir loslassen, umso besser.

Doch das absolut wichtigste Erkennungsmerkmal für mich:

  1. Die Stimme des Herzens ist immer herausfordernd. Das Herz wird uns nicht einlullen, es wird unser Ego – zumindest zeitweise – vom Thron stoßen und uns Demut, Hingabe und Aufrichtigkeit (vor allem uns selbst gegenüber!) lehren. Wenn du es dir bequem machen willst, in deiner Komfortzone bleiben und Recht haben willst, dann solltest du dem Herzen lieber fern bleiben. Wenn du aber mit ihm in Kontakt kommst, dann ist das wie eine transformierende und kraftvolle Begegnung mit einem echten Anam Cara, einem Seelengefährten: Alle Verblendung, Selbstverrat, Urteilen und Projizieren wird dir mit voller Kraft gespiegelt – aber eben auch in tiefer Liebe und Annahme.

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Das spirituelle Herz ist unser Motor des Erwachens und der Bewusstheit. Da wo wir uns selbst verurteilen, nimmt es uns tröstend und nährend in den Arm, wie eine große Mutter. Wo wir unsicher und im Zweifel sind, trägt es uns und ist uns ein helles Licht. Wo wir unser wahres Wesen verleugnen und in die Irre gehen, ermutigt es uns, zu uns selbst zu stehen. Wo wir aus der Liebe und Einheit herausfallen, rückt es unsere Sicht wieder zurecht.

Noch NIE habe ich von meinem Herzen keine Antwort bekommen. Aber ich habe oft unbequeme Antworten bekommen. Antworten und Wege, die ich oft genug nicht befolgen konnte. Die Angst, die Bequemlichkeit oder der Stolz waren zu groß. Aber das Herz nimmt uns das nicht übel. Die große Weisheit in uns ist sich zu jeder Zeit gewiss: Wenn wir diese Chance nicht nutzen, wird es eine neue geben. Die Lektionen wiederholen sich in unterschiedlichem Gewand – bis wir sie lernen. Das Leben hat Zeit. Es eilt nicht. Unser Herz ebnet uns allen den Weg nach Hause. Wie lange das dauert, ist vollkommen egal.

Der Weg ist das Ziel – und das im wörtlichsten Sinne. Wir sind bereits zu Hause. Auf dem Weg zu sein ist eine Illusion des Ego. Es geht einzig und allein darum, wie entschlossen wir sind, diese Illusion los zu lassen – und damit alles, was wir glauben zu sein, zu haben, zu wissen oder erreichen zu müssen. Ist das nicht wunderbar: Du erlebst dich als das Ego, das kämpft, das von der übrigen Schöpfung getrennt ist, das in der Dualität lebt, das sich in den Grenzen von Zeit und Raum bewegt – und gleichzeitig BIST du das ewig Seiende, die unendliche Weisheit, ein allumfassendes Wesen ohne Grenzen. Reines Bewusstsein. Dein Herz kann dir eine Ahnung davon vermitteln, wann immer du dich mit ihm verbindest!

Ich möchte dir gern zwei Möglichkeiten aufzeigen, mit der Weisheit deines Herzens in Kontakt zu kommen:

  1. Wann immer du dich verstrickt hast, mit dem Rücken zur Wand stehst oder kein Licht im Dunkel mehr siehst, frage dich:

    Was würde die Liebe tun?

    Geh in die Stille und lass die Antwort aus deinem Herzen aufsteigen. Ich kann dir versprechen, sie wird herausfordernd sein! Und dann werde zum mutigen Krieger des Lichts und lebe deine Herzensweisheit. Und wenn du es nicht kannst, dann bitte dein Herz um Trost und Heilung. Wie gesagt, das Leben hat Zeit. Dein Herz wird dich niemals verurteilen. Also solltest du das auch nicht tun. Erkenne an, dass Menschsein oft hart und schwierig ist. Erkenne an, dass Emotionen eine ungeheure Macht haben, erkenne an, dass du noch nicht in jedem Moment die Entscheidung für die Liebe und für die Weisheit treffen kannst. Überhaupt eine Ahnung zu haben, wie die Dinge in Wirklichkeit sind, macht dich schon so reich und strahlend. Du musst es noch nicht immer umsetzen können. Mitgefühl ist eine der innersten Herzensqualitäten. Mach sie dir auch selbst zum Geschenk!

  1. Durchflute dich so oft wie möglich mit Herzensenergie

    Nimm dir 10 Minuten Zeit und zieh dich in die Stille zurück. Such dir eine bequeme Position, am besten im Sitzen auf einem Stuhl oder im Meditationssitz. Verbinde dich zunächst ganz tief mit deinem Atem und lass alle Gedanken und Sorgen los. Und dann begib dich mit deiner ganzen Aufmerksamkeit in dein Herzzentrum in der Mitte der Brust. Wenn du magst, kannst du eine Hand hier hinlegen, um deinen Fokus besser zu halten. Jetzt stell dir vor, wie du durch dein Herz ein- und ausatmest. Sei ganz eins mit deinem Herzen. Und dann aktiviere eine Herzensenergie: Liebe, Dankbarkeit, Mitgefühl, Freude oder Wertschätzung – wähle das Gefühl, zu dem du im Moment den besten Zugang findest. Und dann lass dich in deinem ganzen Sein von dieser Energie durchdringen. Nimm sie wahr mit jeder Faser, so intensiv wie möglich. Spüre, wie sich dein Herzensraum immer weiter ausdehnt, bis du dieses Herzensgefühl nicht mehr nur spürst, sondern selbst dazu geworden bist. Verweile so lange du willst in dieser Stille und Geborgenheit.

Das elektromagnetische Feld des Herzens ist bis zu 5000 Mal stärker als das des Gehirns. Es sendet in jeder Sekunde unzählige Signale, die die Organ- und Zelltätigkeit im ganzen Körper steuern, und die unser Denken und Fühlen – und auch das unserer Umwelt – beeinflussen. Je mehr du also in deinem Herzen und aus deiner Herzensfreude heraus lebst, umso heiler und freier wirst du, und umso mehr wirst du ein Fels sein für andere!

Mein Herz schenkte mir einmal einen wunderbaren, zutiefst wachen Augenblick, den ich kaum in Worte fassen kann: Ich war in einer innigen Umarmung und Herzensverbindung mit meinem Mann und ganz in diesen Moment eingetaucht. Meine Gedanken standen still, die Zeit stand still, und es war in diesem Moment nur eine einzige Wahrnehmung da: Ich wusste, dass ich lebe, und dies war das einzig Wirkliche, was ich mit absoluter Sicherheit behaupten konnte. Wenngleich diese Erkenntnis banal scheinen mag, empfand ich sie in diesem Moment so radikal und revolutionär, und fühlte mich von Euphorie durchflutet. Ich war Leben – nicht mehr und nicht weniger! Ich wusste, dass es in der absoluten Präsenz keine Krankheit, keinen Tod, kein Leid und keinen Mangel gibt. Dann gibt es nur Leben, das sich Sekunde um Sekunde immer wieder erneuert und sich selbst feiert in seiner Vielfalt und Vollkommenheit. Leben, das immer Leben bleibt, auch wenn sich die Form wandelt, ja sogar, wenn die Form nicht mehr da ist. Es ist gleichzeitig jede Form und keine. Das wirklich seltsame in dieser Situation war, dass es tatsächlich keine sinnliche Wahrnehmung war, die mir versicherte, dass ich lebte, sondern dass mein Körper, mein Geist und meine Seele einfach nur von der ewigen Natur des Seins durchdrungen waren.

Es war die ganze Welt in diesem winzigen Augenblick.

Unser Herz hält so viele Geheimnisse für uns bereit. Wir müssen uns nur trauen, auf Entdeckungsreise zu gehen, um dann mutig ein ums andere Mal unsere innere Wahrheit auszudrücken. Das verlangt viel Größe, denn es bedeutet, unser inneres Kind immer wieder tröstend in den Arm zu nehmen, die eigenen Schmerzen und Verletzungen nach und nach loszulassen, uns, unseren Mitmenschen und dem Leben zu vergeben, unser Licht und unsere Macht anzuerkennen, den Mut zu finden, umzukehren oder die Richtung zu ändern, …. – und dann immer wieder Frieden, Liebe und Einheit zu wählen statt in der Angst, der Trennung und im Rechthaben zu verharren. Das ist, was diese turbulenten Zeiten von uns fordern!

Dir, die/der du diese Zeilen liest, möchte ich für deinen Herzensweg einen lieben Freund an die Seite stellen: den Kolibri. Im Schamanismus gilt dieser winzige, schillernde Vogel als Bote des Herzens, der Liebe und der Lebensfreude. Er hilft dir, dich mit deiner inneren Weisheit zu verbinden und immer wieder die Liebe und die Lebendigkeit zu wählen. Und er heilt dein Herz, wenn du meinst, es sei zerbrochen und verletzt. Lass mich dir eines mit tiefster Überzeugung sagen: in deinem Herzen gibt es einen Raum, der unverletzlich ist, der hell leuchtend, einem Diamanten gleich, niemals zerstört oder auch nur angeknackst werden kann. Das, was du als verletztes oder gar gebrochenes Herz bezeichnest, ist in Wahrheit dein Ego, dessen Mäntelchen der Liebe von selbstkreierten Motten durchlöchert ist: Erwartungen, Narzissmus, Enttäuschungen (die im eigentlichen Wortsinne etwas ganz Wunderbares sind: Ent-täuschungen, also das Ende von (Selbst-)täuschungen!), Ängste, Projektionen, Anhaftung etc. Trauere nicht länger, sondern sei dankbar für all die Erlebnisse, die die derbe Textur deines Egos aufgebrochen haben. Jeder Riss, jedes Loch, jede Wunde ist die Chance, in dein leuchtendes Inneres vorzudringen und deine wahre Essenz zu entdecken.

So lautet denn auch die – meiner Meinung nach – wichtigste Botschaft des Herzens: „Die Dinge sind nicht so, wie sie scheinen…!“

Vielleicht magst du mir schreiben, welche Weisheiten du in deinem Herzen schon gefunden hast, wie eine Verletzung deines „Ego-Herzens“ dir Zutritt zu deinem wahren spirituellen Herzen verschafft hat, oder mit welcher Methode du am besten Zugang zu deiner inneren Weisheit bekommst? Ich freue mich sehr, von dir zu hören!

Lokah samastah sukhino bhavantu – Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich und frei sein!

Von Herz zu Herz,
Deine Christine Samira

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Quält dich manchmal die Frage nach dem Sinn des Lebens? Deines Lebens? Fragst du dich, wozu du da bist, worin deine Berufung besteht, wie du der Welt dienen kannst? Oder zweifelst du daran, ob das alles hier einen Sinn hat, ob dein Leben und „dieser ganze Wahnsinn“ zu irgendetwas gut seien?

wasserfall

Beide Einstellungen – die Sehnsucht nach einem tieferen Sinn, als auch der Verlust von Sinn – sind  sicherlich gleichermaßen schmerzhaft. Und – vielleicht tröstet dich das? – gleichermaßen unnötig. Auf deinem Weg des Erwachens, wenn du dich tiefer und tiefer ins Sein fallen lässt, dann kommst du an einen Punkt, an dem dir klar wird, dass Leben keinen Sinn braucht. Leben an sich ist der Sinn.

Du musst nichts füllen, weil du nichts hast. Du musst dich um nichts kümmern, weil du nichts besitzt. Du musst dich um nichts sorgen, weil du nichts verlieren kannst.

Du hast nicht ein Leben, du BIST das Leben!

Es gibt keinen anderen Sinn. Alles Lebendige IST einfach, es folgt dem Flüstern der inneren Intelligenz, die nichts anderes ist, als das ewige Leben selbst. Alles Lebendige dehnt sich aus und zieht sich zusammen, dynamisch, immer im Fluss, so wie dein Atem. Es lässt sich bewegen vom zarten Hauch des Windes, nährt sich aus dem Bauch von Mutter Erde, lässt sich inspirieren vom Feuer der Sonne und durchströmen von der klärenden Kraft des Wassers. Es ist präsent. Vollkommen präsent im Hier und Jetzt. Es fließt mit dem Strom, es lässt sich vom Sein durchdringen im tiefsten Vertrauen. Es ist grenzenlos. Eins.

Doch für uns Menschen geht das scheinbar nicht, einfach nur zu sein. Wir wollen nicht nur sein, wir wollen etwas sein. Und zwar etwas Besonderes! Unser Ego treibt die komischsten Blüten…: Wir verschließen uns vor dem großen Mysterium des Lebens, das WIR SIND und suchen dann überall nach einem noch größeren Geheimnis. Wir sind alles, was es gibt. Wonach suchen wir noch? Was sollte es da zu finden geben außerhalb von ALLEM WAS IST? Wir versuchen, das Ewige und Grenzenlose in eine vergängliche Form zu zwängen. Das trennt uns vom Leben, macht uns einsam, traurig und krank.

Wir versuchen etwas mit Sinn zu füllen, was keine Form hat. Wir versuchen etwas zu kontrollieren, was wir nicht besitzen, ja nicht einmal wirklich kennen, und wir verwirken diesen kostbaren Zustand des Seins, weil unser Verstand keine Ruhe geben kann und wie besessen Antworten auf die falschen Fragen sucht.

Aber was heißt „falsche Fragen“? Es gibt tatsächlich Fragen, die uns immer tiefer in die Sackgasse führen, aber auch Fragen, die zwar nie zur Wahrheit führen, aber zumindest in eine vielversprechende Richtung. Auch ich frage meine Klienten oft: „Welchen Sinn willst du deinem Leben geben?“ oder „Wie willst du der Welt dienen?“ Doch sind diese Fragen nicht mehr als eine Krücke auf dem Weg ins Erwachen und ins wahre Sein. Dessen müssen wir uns bewusst sein, wenn wir unsere Identifikationen loslassen und wirklich frei sein möchten. Für mich repräsentieren beide Fragen einen Weg ins Herz. Und da wir wahre Erkenntnis niemals durch Denken und Analysieren gewinnen, sondern nur in vollkommener Hingabe tief innerlich erfahren können, ist der erste und wichtigste Schritt immer der in die Stille des Herzens.

Das Herz ist der Ort, in dem unsere Begeisterung wohnt, in dem das Feuer der Freude, der Dankbarkeit, des Mitgefühls und der Liebe glüht. Unser Herz kennt den Weg. Je mehr wir leben, was wir wirklich sind, je mutiger wir unsere Gaben in die Welt bringen, unsere Freude und Liebe in Worten und im Tun ausdrücken, umso leichter fließt unser Leben.

Und wenn du dich erst einmal dem Fluss hingegeben hast, dann löst jeglicher Sinn, und erst Recht jede Frage nach dem Sinn, sich früher oder später auf. Dann bist du das Leben. Du erlaubst dem Leben einfach, sich durch dich auszudrücken. Du bist nur das Instrument, durch das das Leben eine individuelle Melodie erklingen lässt – eine wundervolle Melodie von unendlich vielen, im Einklang mit dem großen Orchester des Seins. Du kontrollierst und kämpfst nicht mehr, du zweifelst und  ängstigst dich nicht mehr. Du bist durchlässig, getragen. Du bist Leben, das sich durch sich selbst ausdrückt!

So viele Menschen machen sich so unendlich viel Druck mit der Frage nach dem Sinn ihres Daseins. Hör auf damit! Dass du da bist, das ist schon der Sinn. Du musst dir deinen Platz auf dieser Welt nicht verdienen. Das Leben will dich, genau hier und genau jetzt! Pur! Statt dir den Kopf zu zermartern, lerne einfach zu atmen, wirklich da zu sein, deine Sinne zu öffnen, dich zu entspannen. Und dann lausche deinem Herzen. Es führt dich. Du musst nicht den einen Sinn finden, den einen Weg, die eine besondere Begabung, das eine große Ziel. Reiße einfach deine eigenen Begrenzungen nieder – dein selbst gestricktes Kleid aus Raum und Zeit – so dass das Leben frei aus dir heraus fließen kann und du wieder verbunden bist mit dem Ozean. Das ist alles was zu tun ist. Du brauchst dich nicht länger abmühen, eine illusionäre Form künstlich und zwanghaft mit Inhalt zu füllen. Werde dir gewahr, dass das Gefäß nur ein Trugbild ist. Lass die eingebildete Form in sich zusammenbrechen, dann erfährst du, was du wirklich bist. Dann bleibt nichts mehr übrig außer Leben. Leben, das sich selbst erfüllt.

Ich umarme dich herzlichst an diesem Ostersonntag und danke dir für dein grenzenloses SEIN!

Lokah samastah sukhino bhavantu – Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich und frei sein!

Deine Christine Samira

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Zum Jahreswechsel ist ein Wort wieder in aller Munde: Loslassen. Alte Gewohnheiten, negative Gefühle, einschränkende Glaubenssätze loslassen, damit das gute Neue Einzug halten kann. „Lass einfach los!“ Wie oft hast du diesen Spruch schon gehört, wenn es dir nicht gut ging, du dich von etwas trennen musstest, oder du dir etwas ganz besonders stark gewünscht hast? Lass einfach los – als ob das so einfach wäre! Fragt man die Absender dieses schlauen Ratschlags, wie das denn gehen soll, erntet man ein Achselzucken und Bemerkungen wie „nimm’s halt nicht so schwer“ oder „einfach nicht mehr dran denken“. Hmmm, der rosarote Elefant lässt grüßen!

In einer Leistungsgesellschaft, in der wir gewohnt sind, mit Anstrengung alles erreichen zu können und in der uns vorgegaukelt wird, wir könnten alles kontrollieren, scheint Loslassen eine der schwersten Übungen zu sein.

Und genau hier liegt der Hund begraben: Der Begriff „loslassen“ impliziert, dass es hier etwas aktiv zu tun oder zu arbeiten und zu erreichen gäbe. Doch Loslassen ist nicht mehr als ein Wimpernschlag, ein Momentum, das nur einen Bruchteil einer Sekunde dauert. Nicht viel Zeit für jemanden, der gewohnt ist, immer aktiv zu sein und etwas zu machen! Genau genommen ist das Loslassen an sich gar nicht greifbar. Was wir ersehnen ist der Zustand des Losgelassen-habens. Und wer losgelassen hat, ist gelassen, oder?

Ich möchte dir zwei Bilder geben, mit denen ich meinen Klienten das Loslassen besser verständlich zu machen versuche:

Loslassen ist wie Einschlafen. Eben noch warst du wach, und dann schläfst du plötzlich. Den kurzen Moment, in dem du eingeschlafen bist, kannst du nicht fassen. Am nächsten Morgen weißt du vielleicht noch, dass du ewig wach gelegen bist und dann wohl doch irgendwann eingeschlafen sein musst. Oder du erinnerst dich, dass du schon weg warst, noch ehe du richtig den Kopf auf dem Kissen abgelegt hattest. Aber der Moment, in dem es geschehen ist, ist dir nicht bewusst. Du kennst den Zustand des Wachseins und den Zustand des Schlafens. Aber dieser winzig kurze Akt des Einschlafens entzieht sich deiner Kontrolle und deiner bewussten Wahrnehmung. Und genauso ist es mit dem Loslassen. Es ist nichts, was du tust, sondern etwas das geschieht, eine Gnade, die dir zu Teil wird. Du weißt, wie es sich vorher angefühlt hat, und du genießt den Zustand danach, aber der Moment des Loslassens ist ein Mysterium. Ein Augenblick der vollkommenen Hingabe, der dich von einer Sekunde auf die andere in einen veränderten Bewusstseinszustand katapultiert.

Wenn du nachts wach im Bett liegst, dann vergisst du, dass sich das Einschlafen deiner Kontrolle entzieht. Du versuchst es zu erzwingen und willst mit aller Gewalt diesen winzigen Augenblick des Umschaltens herbeiführen. Je mehr du dich gegen das Wachsein sträubst und willentlich einzuschlafen versuchst, umso quälender und schwerer wird es. Ist das nicht paradox? Aber du kannst eben ein Momentum, das sich durch tiefste Hingabe auszeichnet, nicht kontrollieren und vom Verstand her beeinflussen. Du kannst diesen Zustand nicht erreichen, du kannst es nur geschehen lassen! Der Schlaf wird häufig auch als „kleiner Tod“ bezeichnet – Nacht für Nacht eine ganz schön radikale Übung im vollkommenen Loslassen! Kein Wunder, dass viele Menschen, die ein Thema mit dem Loslassen haben, auch unter Einschlafproblemen leiden – und oft unter diffusen Ängsten vor dem Tod wie vor dem Leben.

Du kannst einem Menschen ebenso wenig den Rat geben, „einfach loszulassen“, wie du einem Ruhelosen den Rat geben kannst, „einfach einzuschlafen“. Und je mehr Druck in diese Richtung aufgebaut wird, umso weniger funktioniert es…

Ein weiteres Beispiel erlebe ich jeden Tag in der Praxis, wenn ich Schmerzpatienten mit muskulären Verspannungen behandle. Wenn du sehr verspannt bist, dann ist die Verkrampfung so sehr zu deiner zweiten Natur geworden, dass du dir dessen gar nicht mehr bewusst bist und die entsprechenden Bereiche gar nicht mehr willentlich ansteuern und entspannen kannst. Vor allem in den Armen steckt oft ungeheure Spannung, weil wir permanent entweder am Festhalten und Verteidigen oder Abwehren und Kämpfen sind. Ich mache mir oft einen Spaß mit meinen Patienten und hebe im Liegen ihren – vermeintlich entspannten – Arm hoch. Wenn ich loslasse, bleibt der in 90 Prozent der Fälle in der Luft stehen. Ich ergreife dann den Arm wieder, schüttle ihn, und fordere auf, locker zu lassen. Die Patienten entgegnen dann vehement, dass sie doch bereits locker ließen, aber beim nächsten Versuch bleibt der Arm wieder auf wundersame Weise oben. Es ist so viel Spannung im Arm, dass die Betroffenen sich dessen gar nicht mehr bewusst sind, und gar kein Gefühl mehr dafür haben, wie es sich anfühlt, wenn dieser Körperteil entspannt ist. Genau das ist der Fall, wenn es ums Loslassen geht: oft haben wir vollkommen das Gefühl dafür verloren, was uns im Leben eigentlich blockiert, weil bestimmte Gedankenmuster oder Ängste unsere täglichen Begleiter geworden sind. Und wir haben keine Erinnerung mehr daran, wie es sich anfühlt, (los-)ge-lassen zu sein.

Das Loslassen geschieht einfach. Ein kurzes „Umschalten“, das unseren Bewusstseinszustand radikal umswitcht: von einem Zustand der Besessenheit zu einem Gefühl der Gelassenheit. Wir können es nicht erzwingen, aber wir können Voraussetzungen schaffen, die ein vollkommenes Loslassen – und damit tiefe Gelassenheit – sehr wahrscheinlich machen.

loslass

5 Tipps, wie dir Loslassen gelingt:

  1. Nimm deinen Körper und deine Gefühle bewusst wahr, und nimm alles an, was jetzt ist

    Hier sind wir beim Beispiel mit der Muskelspannung. Viele Releasingtechniken im Bereich der Körpertherapie arbeiten mit dem bewussten Aufbau von noch mehr Spannung, um darüber wieder ein Gefühl für den Körper zu entwickeln und aktive Entspannung überhaupt wieder möglich zu machen. Das heißt, der verkrampfte Muskel wird willentlich noch stärker angespannt. So wird dem Betroffenen die Anspannung oft überhaupt erst bewusst. Und nur wenn die Spannung bewusst wahrgenommen wird, kann der Muskel dann auch aktiv und bewusst losgelassen werden.

    Wenn dich also ein Thema in deinem Leben belastet (z.B. Jobsuche, Süchte, unerfüllter Kinderwunsch, Ängste, Partnerschaft usw.), dann hab den Mut, mit Haut und Haaren in die Situation einzutauchen. Spüre, welche unangenehmen Gefühle damit verbunden sind, und nimm deine Körperempfindungen wahr. Geh nicht in Widerstand zu dem, was du loswerden möchtest, sondern tauche tief darin ein. Verstärke deine Muskelanspannung, deine krumme Haltung, deinen zusammengebissenen Kiefer, deine oberflächliche Atmung und all die schweren Gefühle noch, um dir wirklich bewusst zu machen, worum es bei deinem Thema geht. Spüre die Essenz. Die auslösende Situation ist austauschbar. Das worum es geht, sind deine unterdrückten Gefühle, und mit ihnen deine destruktiven Glaubenssätze und verinnerlichten Haltungsmuster.

    Dann fange an, deinen Körper bewusst zu lockern, tief zu atmen, deinen Kopf und Blick aufzurichten, den Kiefer zu entspannen etc. Nun fühlst du vielleicht zum ersten Mal vermeintlich „negative“ Gefühle bei einem entspannten Körper. Wahrscheinlich ist das Ganze schon nicht mehr allzu schlimm. Versuche dennoch, bei deinen Gefühlen zu bleiben. Vergiss die Geschichte dahinter, fühle einfach nur das Gefühl ohne es zu benennen oder zu bewerten. Du wirst feststellen, dass das was sich als „Wut“, „Hass“, „Scham“ oder „Ohnmacht“ gezeigt hat, innerhalb kurzer Zeit zu reiner Energie wird, die du nicht mehr benennen kannst. Dann hast du es transformiert.

    Mache diese Übung wann immer du wieder in dein Drama hinein fällst. Bald wird deine seelische Verkrampfung weichen und an ihre Stelle tiefes Einverstandensein und Gelassenheit treten.

  2. Lass dich vom Leben atmen

    Es gibt sooo viele wunderbare Atemtechniken, die den Boden für vollkommenes Loslassen und tiefe Hingabe bereiten. Nur machen muss man sie… 😉 Meine liebste, die ich schon seit Jahren so praktiziere, und die ich ganz oft bei meinen Tranceinduktionen verwende, ist die Vorstellung, geatmet zu werden. Mache es dir im Sitzen oder Liegen bequem und spüre deinen Atem. Folge dem Fließen der Atemluft durch deine Nase, die Luftröhre, die Bronchien und Lungenflügel. Und wieder zurück. Lass den Atem ganz frei und gleichmäßig fließen, bis tief in den Bauch hinein. Mit jedem Ausatmen lässt du dich tiefer in die Entspannung sinken. Mit jedem Atemzug ein bisschen tiefer. Nimm dir Zeit! Spüre, wie du über den Atem getragen bist vom Leben. Von diesem regelmäßigen ein und aus, auf und ab – wunderbar behütet und ganz sanft gewogen wie ein Baby in den Armen seiner Mutter. Gib dich immer mehr diesem sanften Rhythmus hin, voller Vertrauen. Du bist getragen, du bist sicher! Dann tritt mit jedem Atemzug innerlich ein wenig weiter zurück, gib deinen Willen und alle Kontrolle auf, und erlaube dir, vom Leben ge-atmet zu werden, statt selbst zu atmen. Die bewusste Erfahrung, dass du geatmet wirst, wird dich mit einem Vertrauen, Wohlgefühl und einer Hingabe und Verbundenheit erfüllen, wie du sie vielleicht noch nie erlebt hast. Das Leben liebt dich, es trägt dich. Du kannst ihm voll vertrauen!

    Und damit wären wir schon beim nächsten Punkt:

  3. Schließe Freundschaft mit dem Leben und vertraue, dass alles gut ist, so wie es ist

    Die Gesellschaft hat uns zu Menschen erzogen, die voller Angst und Unsicherheit sind. Wir haben die Verantwortung für unsere Gesundheit, für die Erziehung unserer Kinder, für unseren Besitz, für unser Seelenheil, für das Allgemeinwohl abgegeben und darüber die Verbindung zu unserer Natur, zu unseren Instinkten und intuitiven Kräften verloren. Wir vertrauen unserer eigenen Wahrnehmung, unserem Körper und unserem gesunden Menschenverstand nicht mehr. Wir misstrauen dem Leben, erwarten nichts Gutes und sind in ständiger Angst, dass etwas Unvorhergesehenes passieren könnte. Übe dich in einer Lebenseinstellung, die das Leben und den Körper wertschätzt und die uns allen innewohnende Körperintelligenz und Liebe anerkennt. Liefere dich nicht irgendwelchen Autoritäten aus, sondern informiere dich selbst. Werde mündig, frag nach, sei kritisch und triff deine eigenen Entscheidungen auf Basis deines gesunden Menschenverstandes und deiner Intuition. Finde wieder Vertrauen ins Leben. Sei dir sicher, dass das Leben dir nichts bringt, was nicht zu deinem Segen und zu deiner Entwicklung bestimmt ist. Dass es dir kein Problem serviert, für dessen Lösung du nicht alle Gaben in dir hättest. Nur wer dem Leben vertraut, wer im Innersten sicher ist, dass es unser Dasein gut mit uns meint, kann wirklich loslassen und sich dem Fluss des Lebens hingeben. Wer am Leben und an der Liebe hinter allem zweifelt, wird schließlich ver-zweifeln.

    Folge immer mehr der Stimme deines Herzens, dann bist du sicher! Die Schwierigkeit loszulassen liegt oft in der Angst begründet, eine falsche Entscheidung zu treffen. Doch im Leben gibt es kein „Falsch“. Es gibt nur Erfahrungen, an denen wir lernen und reifen können. In jedem Moment unseres Lebens haben wir die Wahl, einen neuen Weg einzuschlagen. Also geh einfach los und probier dich aus! Vielleicht kommst du am Ende als neuer Mensch genau da wieder an, wo du gestartet bist, vielleicht aber trägt das Leben dich auch in ganz unerwartete Gefilde. In jedem Fall aber gib die Erwartung auf, dass das Leben zu 100 Prozent kontrollierbar und planbar ist. Schließe Freundschaft mit dem Unerwarteten und Geheimnisvollen!

  4. Wehe wenn sie los-ge-lassen…: Trance-Erfahrungen bzw. Erfahrungen von Kontrollverlust

    Schaffe in deinem Leben Raum für die Erfahrung von Leichtigkeit, Übermut und Unkontrolliertheit. Ein vielfach erprobtes Mittel hierfür sind Rauscherfahrungen. Nun kann man das natürlich niemandem empfehlen, also bitte Finger weg von Alkohol und Drogen! Ohne Zweifel gibt es einen Zusammenhang von Drogenkonsum und verschiedensten Süchten auf der einen Seite und der Zwanghaftigkeit, Reglementierung und Leistungsorientiertheit unserer Gesellschaft auf der anderen Seite. Sich zusammenreißen, der/die Beste sein müssen, kämpfen, Erwartungen erfüllen müssen, nicht auffallen dürfen, sich kontrollieren und verstellen müssen, die eigenen Lebensimpulse unterdrücken – das ist schon für viele Kinder die bittere Realität. Viele Menschen kennen im normalen Leben ohne Einfluss von Rauschdrogen überhaupt keine Erfahrung von Unbeschwertheit, überfließender Lebenslust, Ungehemmtheit und Hingabe. Doch die Erfahrung, Kontrolle und Anspannung loszulassen, steht uns auch auf gesundem Wege zur Verfügung, z.B. in Form von (Trance-)Tanz, Meditation, tantrischer Sexualität oder künstlerischem Schaffen. Probier‘s aus: Leg deine fetzige Lieblingsmusik auf oder lade dir vom Internet Trancetanz- oder Trommelmusik herunter und tanz dir den Teufel aus dem Leib. Vielleicht hast du schon mal eine Flamencovorführung gesehen? Im Flamenco spricht man tatsächlich, wenn der Tänzer, Sänger oder Gitarrist besonders leidenschaftlich in seinem Ausdruck ist und sich selbst in seiner Kunst vollkommen vergisst, vom Duende – einer überirdischen Kraft, einem Dämon gleich, die vom Künstler Besitz ergreift. Wenn die Zuschauer Zeuge des Duende werden, ist das ein ganz besonderer Augenblick, der seine Spuren im Leben eines jeden Anwesenden hinterlässt und einen Blick in die Seele der Welt erlaubt. Also tanze, wie wenn es um dein Leben gehen würde – oder besser: lass dich tanzen. Und singe dazu so laut du kannst. Bei der nächsten Party tanze auf dem Tisch, liebe so leidenschaftlich wie du noch nie geliebt hast, geh nackt im Mondlicht baden, färb dir die Haare blau. Mach ausgelassene, verrückte Dinge, die nur Narren Gottes tun können. Erlebe dich in deiner ursprünglichen, ungefilterten Lebendigkeit und Wildheit, spüre dich, sprenge all deine Begrenzungen und inneren Fesseln. Wenn du dir erlaubst, aus dir heraus zu gehen und zu vergessen, was „man“ tut und was nicht, bist du dem Loslassen ganz nahe!

  5. Übe dich im Loslassen von kleinen Dingen

    Wenn du schon an kleinen Dingen festhältst, wie solltest du dann die großen Themen deines Lebens, Menschen, Orte, Hoffnungen, Gewohnheiten loslassen können? Also übe dich einfach tagtäglich in den kleinen Dingen: Verschenke schöne Sachen aus deinem Besitz, die wirklich einen Wert haben und einem anderen Freude machen. Verschenke oder spende Geld, das du übrig hast, um anderen, die weniger haben, Gutes zu tun. Verschenke deine Zeit, deine Erfahrung, dein Wissen und deine Liebe. Lass die Kontrolle über deinen Partner, deine Kinder oder Kollegen los und vertraue, dass sie „das Richtige“ tun und gut geführt sind. Verzichte darauf, Projekte, Reisen oder Feste bis ins Detail zu planen und sei stattdessen spontan, lass dich treiben und überraschen. Mach im Alltag die Erfahrung, dass das Leben am schönsten ist, wenn es lebendig, immer wieder überraschend, neu und unerwartet ist, und werfe regelmäßig überschüssigen Ballast und Besitz von dir, um frei und leicht zu sein.

    Du bist nackt auf diese Welt gekommen und du wirst sie alleine ohne irgendwelche Besitztümer wieder verlassen. Ein offenes, freies Herz nimmt die Dinge mit offenen Armen an und lässt sie wieder gehen. Es lässt das Leben durch sich strömen und vertraut, dass auf etwas Gutes irgendwann auch wieder etwas neues Gutes folgen wird.

 

Genau das wünsche ich dir fürs neue Jahr und für dein ganzes Leben:

Das Vertrauen, dass es das Leben gut mit dir meint,
die Liebe, großzügig von dem zu geben, was du hast, und
die Offenheit, dich vom Leben immer wieder überraschen zu lassen.

Öffne deine Hände und dein Herz, denn „die Frucht des Loslassens ist die Geburt von etwas Neuem!“ (Meister Eckhart).

Lokah samastah sukhino bhavantu – Mögen alles Wesen in allen Welten glücklich und frei sein!

Deine Christine Samira

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