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Die Weisheit spricht nicht immer aus dem Kopf und auch nicht immer aus dem Herzen. Manchmal lässt sie ihre Stimme aus dem Bauch heraus erbeben – bei uns Frauen zumindest. Denn im Bauch liegt unser Kraftzentrum: Über die Gebärmutter sind wir mit dem Herzschlag von Mutter Erde verbunden und aus diesem Zentrum heraus gebären wir in jedem Augenblick das Universum. Wir sind im Bauch der großen Göttin und die große Göttin ist in uns.

Vom Bauch ausgehend beginnt das weibliche Erwachen. Die Religionen und esoterischen Wege, die heute überwiegend praktiziert werden, sind sehr stark männlich geprägt: Körperlichkeit, Sinnlichkeit und Sexualität – urweibliche Kräfte – werden dabei oft tabuisiert und müssen überwunden werden, um zur Erleuchtung zu gelangen. Der Weg des Erwachens spielt sich fast ausnahmslos in den oberen Chakren und den Verstandeswelten ab: Es geht um das Studium spiritueller Texte, Geistesschulung, komplexe Weltanschauungen, Meditation, Auslöschung des Egos, „harte Arbeit“ an sich selbst, Erlangung übernatürlicher Kräfte, sowie Rückzug aus dem weltlichen Leben.

Der weibliche Weg ist seit Urzeiten genau entgegengesetzt: In inniger Verbindung zu Mutter Erde, ist es ein Weg der Einfachheit und Hingabe, der den Körper, das Leben und die Lebendigkeit preist, die sexuelle Vereinigung als mystische, schöpferische Erfahrung verehrt, und tief verwurzelt ist mit den Kräften der Natur.

Beide – der männliche und der weibliche Zugang – müssen kein Gegensatz sein, sondern dürfen sich wechselseitig durchlichten und in einander übergehen. Es gibt keine Wertung. Beides sind einfach unterschiedliche Pfade zur Wahrheit. Ich bin allerdings überzeugt davon, dass die spirituellen Wege des Erwachens, die wir bis heute kennen und überwiegend praktizieren, nur für wenige Menschen wirklich in die Freiheit führen. Sobald auch nur eine einzige menschliche Erfahrung ausgeschlossen wird, kann der Weg niemals in die Ganzheit führen. Und sobald dem unbeschreiblichen Mysterium des Lebens auch nur ein einziges Konzept aufgezwungen wird, kann er niemals frei machen.

Die Zeit ist reif, um die „Energien der Göttin“ wieder in die Welt zu holen und damit dem weiblichen Prinzip die Tore zu öffnen – zum Wohle aller Geschöpfe und des Überlebens unserer Mutter Erde. Der weibliche Weg ist zutiefst lebensbejahend und mit den Rhythmen des Lebens verwoben, und kann auch die erreichen, die bisher keinen Zugang zu ihrer Spiritualität hatten. Er basiert auf der Hingabe, der urweiblichsten Qualität schlechthin. Schon allein der Klang dieses Wortes bringt alles Erstarrte wieder in Fluss und lässt alle Anspannung abfallen. Wie sehr ich dieses Wort liebe! Es ähnelt dem Loslassen, geht aber sooo viel tiefer. Loslassen hat immer noch eine aktive Komponente, und es schwingt noch ein letztes Fünkchen an Kontrolle mit, während die Hingabe um so viel radikaler und reiner, und ganz und gar passiv ist.

Hingabe hat für mich drei wesentliche Merkmale:

– Sich dem Mysterium des Lebens ergeben
Viele spirituell Suchende sehnen sich nach dem Besonderen und vergessen darüber, wie Besonders das Leben selbst ist. Wir verpassen das Leben, wenn wir nach etwas suchen, das noch großartiger sein sollte. Es gibt nichts „Besondereres“ als das Leben! Und das Leben ist und bleibt ein großes Geheimnis. Die weibliche Spiritualität sucht nicht danach, das Mysterium zu enträtseln und damit zu trivialisieren. Sie weiß, dass es auf das Mysterium keine letztgültigen Antworten gibt. Daher verehrt das göttlich Weibliche die Frage und gibt sich der puren Erfahrung hin, statt nach Antworten, Erklärungen und Konzepten im Außen zu suchen.

– Sich öffnen und verschmelzen
Der weibliche spirituelle Weg trachtet nicht danach, alles vom Verstand her zu analysieren und intellektuell zu begreifen. Der Suchende in seiner Hingabe verbindet sich auf der Herzensebene mit allem was existiert in tiefer Liebe, und wird dadurch des Wesens aller Dinge und seiner Selbst gewahr. Er muss es nicht verstehen, es reicht, es zu lieben! Je mehr Liebe praktiziert wird, umso leichter dehnt diese sich auf alles aus, was existiert, ohne Ausnahme. Wir verehren die bunte Vielfalt, in der sich das Leben individuell ausdrückt und erleben gleichzeitig in tiefer Verschmelzung die Einheit allen Seins und transzendieren damit die Dualität.

– Sich in Gleichgültigkeit üben
Hingabe drückt sich in einem wahrhaftig und tief empfundenen JA zu allem was ist, aus. Jegliches Urteilen entfällt. Es gibt kein „gut“ und „böse“ mehr, kein „ich will“ und „ich will nicht“. Indem aller Widerstand und alle Anhaftung gleichermaßen wegfallen, fließen wir in Anmut und Leichtigkeit mit dem Leben. Es gibt keine Vergangenheit und keine Zukunft, nur den gegenwärtigen Moment. Wir erleben ihn wach und mit allen Sinnen, wir lassen uns berühren und schwingen mit. Was auch immer geschieht, alles ist gleich-gültig.

Ein Bild, das sich mit meiner Vorstellung vom weiblichen spirituellen Weg deckt, ist die Konversation zwischen Devi (dem göttlich Weiblichen) und Shiva (dem göttlich Männlichen) im „Vigyan Bhairav Tantra“ (zu Deutsch: „die Technik, über das gewöhnliche Bewusstsein hinaus zu gelangen“), einer viele tausend Jahre alten tantrischen Schrift, die Osho in dem Werk „Das Buch der Geheimnisse“ interpretiert hat. Alle tantrischen Sutras basieren auf dem Dialog zwischen Devi und Shiva. Devi fragt und Shiva antwortet. Doch zwischen beiden herrscht keine Schüler-Lehrer Beziehung, sondern es ist ein Dialog zwischen zwei Liebenden. Wahre Erkenntnis ist nicht möglich ohne Liebe, ohne Einssein mit dem Objekt, das man erfassen möchte. Du musst zu einem Liebenden werden, damit sich das Höchste durch dich ausdrücken kann. Das ist das weibliche Wesen der Spiritualität!

Das wahrhaft Besondere an dem Dialog der beiden Liebenden aber ist die Tatsache, dass Shiva keine konkrete Antwort gibt, und dennoch antwortet. Er überbringt Devi als Antwort eine Technik, die ihr die Erfahrung des Transzendenten ermöglicht und sie die Antwort in sich selbst finden lässt. Genauso funktioniert die „weibliche Spiritualität“: Devi öffnet sich in vollkommener Hingabe und Liebe. Sie ist erfüllt von dem aufrichtigen Wunsch, das Leben in seiner Ganzheit zu er-fahren und öffnet ihr leeres Gefäß. Indem sie sich einer konkreten Frage hingibt, stellt sie der grenzenlosen Existenz einen Kanal zur Verfügung, sich ihr zu offenbaren und ihr ganzes Wesen zu durchdringen. Sie erwartet keine oberflächliche Antwort oder intellektuelle Erklärung, sondern wird eins mit dem Bewusstsein (Shiva) und gelangt zu Erkenntnis durch Erfahrung. Devi ist der bereitete, fruchtbare Boden und Shiva ist das Samenkorn.

Die Hingabe als Ausdruck der weiblichen Kraft ist energetisch mit dem Sakral- oder Svadhisthana-Chakra verbunden. Das Sakralchakra hat eine ganz klar weibliche Schwingung (im Gegensatz zum Wurzelchakra, das eine männliche Energie besitzt). Dieses Chakra ist das Reservoir unserer sexuellen Energie, unserer Kreativität, feurigen Begeisterung und Sinnlichkeit. Der körperlich-sinnliche Ausdruck, das Erträumen und kreative Erschaffen, Lebensfreude, Genuss, Tanz, Musik, Poesie, das Fördern und Nähren alles Lebendigen und Lebensspendenden sind für eine Frau (und natürlich auch für die Shaktikraft im Mann!) existenziell. Und sie können unser Vehikel ins Erwachen und in ein Leben in Gesundheit, Liebe und Freude sein. Wir machen diese menschliche Erfahrung nicht, um das Menschliche zu verleugnen, zu erniedrigen, und in geistige Welten abzudriften. Wir sind hier, um das Leben zu feiern und uns mit jeder Faser unseres Seins ins Abenteuer zu stürzen. Wir sind hier, um die gesamte Schöpfung in unser Herz und unseren Bauch zu nehmen und zu lieben wie unser eigenes Kind.

Die weibliche Shaktienergie im Körper wird oft als Kundalini bezeichnet. Sie repräsentiert die Sexual- und Lebenskraft schlechthin und wird traditionell als zusammengerollte Schlange dargestellt, die ihren Sitz am unteren Ende der Wirbelsäule hat. Laut yogischer Lehren soll die Kundalinienergie im Zuge des spirituellen Erwachens erweckt und mithilfe bestimmter Übungen und Atemtechniken nach oben gelenkt werden, um die sexuelle Energie zu transzendieren und sich mit dem reinen Bewusstsein zu verbinden. Nachdem ich intensiv in die Thematik eingetaucht bin, zeigt sich mir die Sache allerdings anders. Es kann für mich nicht darum gehen, diese Kraft nach oben zu lenken. Eine weibliche Energie bewegt sich nicht, steigt schon gar nicht auf. Sie kann sich nur öffnen oder verschließen. Welche Intention dahinter steckt, eine weibliche Energie aufsteigen zu lassen, darüber will ich nicht spekulieren. Vielleicht ist es einfach nur der alte alchemistische Traum, das sogenannte Unedle in Edles zu verwandeln.

Aber eines ist für mich klar: es sind männliche Yang-Energien, die sich bewegen, die auf- oder auch absteigen, aber niemals eine Shaktikraft. Das widerspricht vollkommen dem Wesen des Weiblichen. So geht es für mich bei der Erweckung der weiblichen Kraft einfach nur darum, sie zu öffnen, damit die männliche Energie absteigen und sie „befruchten“ kann. Das ist dann Verschmelzung, Einheit, Erwachen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich gleich mit einem anderen Missverständnis (für mich!) aufräumen: Wir beziffern die Chakren von unten nach oben, also das Wurzelchakra als erstes und das Kronenchakra als siebtes Chakra. Auch dieses energetische Konzept soll möglichweise vermitteln, dass der Körper, dass Lebendigkeit, dass Sinnlichkeit etwas Niederes ist, und dass das Menschsein überwunden werden und die Materie in geistige Energie umgewandelt werden muss. Aber ist es nicht vielmehr so, dass wir geistige Energie sind, die sich in das Körperliche hinein manifestiert? So wie ich es sehe, geht es auf dem spirituellen Weg darum, das reine Bewusstsein vollkommen in die Körperlichkeit einsinken zu lassen. Unser Denken, unser Fühlen und unser Tun mit reinem Bewusstsein zu durchdringen und damit die Göttlichkeit in die weltliche Erfahrung zu bringen. Somit fließt in diesem Fall die Energie von oben nach unten. Und da haben wir wieder das Bild von Devi, die ihren Weltenschoß (Kundalini) voller Hingabe öffnet um sich vom Bewusstsein (Shiva) durchdringen zu lassen und zur vollkommenen Erkenntnis zu gelangen.

Letztendlich – das ist mir natürlich sehr bewusst – ist auch die Lehre der Chakren und der Kundalini nichts weiter als ein Konzept. Und auch dieses, wie alle Konzepte, dürfen wir getrost loslassen. Es gibt keine Notwendigkeit, darüber zu streiten oder die Theorien allzu ernst zu nehmen. Für unser Leben hat es nicht wirklich Relevanz, wie viele Chakren es gibt, welchen Charakter die Kundalini Energie hat oder welche Energien wohin fließen. Alles was wirklich relevant ist, können wir mit unseren Sinnen wahrnehmen. Das was wir sehen, hören, spüren, riechen, schmecken, was uns die Natur in ihrem ewigen Kreislauf spiegelt, beinhaltet alles was wir wissen müssen. Jeder einzelne Augenblick trägt alles in sich. Und in jedem Augenblick entscheiden wir neu, ob wir wach sind oder im Tiefschlaf. Fest steht: je mehr wir uns mit Analysieren beschäftigen und Konzepten nachhängen, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir nicht wach sind.

Der weibliche spirituelle Weg ist ein Weg der Freude, der Liebe, der Leichtigkeit und der wachen Präsenz im Körper. Wir müssen nicht ewig an uns arbeiten, uns verbessern und „ver-feinstofflichen“. Menschsein ist etwas Heiliges und kein Verbrechen, keine Sünde und keine Schwäche – wann verstehen wir das endlich? Wir sind gut und vollkommen, so wie wir sind. Wir brauchen keine Gurus und keine spirituellen Lehrer, weil es da nichts zu lehren gibt. Wir brauchen keine Priester, die als Vermittler zwischen uns und etwas „Heiligem“ außerhalb von uns selbst fungieren, weil wir All-Eins sind. Wir brauchen keine Heiler, weil es letztendlich nichts zu heilen gibt. Wir brauchen keine Wahrsager, Channels und Medien, weil wir alles Wissen in uns tragen. Was wir brauchen sind Wiedererinnerer: Menschen, die uns an die Liebe und die Vollkommenheit in uns erinnern. Die uns daran erinnern, wie wir wieder in Kontakt mit unserem Herzen und mit unserer inneren Weisheit kommen. Die uns daran erinnern, dass alles Richtig ist so wie es ist. Die uns daran erinnern, dass sich das Leben nur im Hier und Jetzt  – in diesem winzigen und gleichzeitig ewigen Augenblick – abspielt, und dass Vergangenheit und Zukunft keine Bedeutung haben. Die uns an die heilige männliche Kraft und die heilige weibliche Kraft – an Shiva und Shakti in uns – erinnern. Die uns daran erinnern, wie wertvoll Leben ist und dass es nichts Großartigeres gibt. Die uns daran erinnern, wie sich Freude, Liebe, Mitgefühl, Frieden, Leichtigkeit, Freiheit und Gesundheit anfühlen, und die uns gleichzeitig ermutigen, durch Schmerz, Wut, Hass, Trauer, Gier und Eifersucht fühlend hindurch zu gehen. Und: die uns daran erinnern, das Leben zu feiern, jeden Tag.

Wir brauchen Menschen, die sich voller Begeisterung und gleichzeitig mit wachem Bewusstsein in die Erfahrung Leben stürzen. Die das Leben in seiner bunten Fülle mit allen Sinnen genießen und gleichzeitig in der meditativen Stille ihres Herzens zu Hause sind. Menschen, die aus sich selbst heraus leuchten und anderen ein Licht sind.

Ich freue mich auf Männer, die die wilde Schönheit und Macht der Weiblichkeit wieder anerkennen und der Göttin Raum und Sicherheit geben, um ihre ganze Kraft zu entfalten. Die dem Träumen und der Intuition wieder ihren Wert geben, und die den Mut haben, ihr Herz zu öffnen, Liebe zu leben, Gefühle frei fließen zu lassen und die ihre männliche Kraft und Stärke in den Dienst der Erhaltung des Lebens stellen. Und ich freue mich auf Frauen, die sich wieder auf ihre eigene, innewohnende Macht und Weisheit besinnen, und ihre lustvolle Sinnlichkeit und ekstatische, heilige Schöpferkraft selbstbewusst und mitfühlend leben. Die den Mut haben, Altes, dem Leben und der Liebe nicht mehr dienliches zu zerstören und Neues ins Dasein zu tanzen. Die alles Leid und allen Schmerz bedingungslos vergeben und die wahre männliche Kraft wieder verehren können.

Lokah samastah sukhino bhavantu – Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich und frei sein!
Deine Christine Samira

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