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Zur Zeit liegt der Vater einer lieben Freundin von mir im Sterben. Ich denke oft an sie und erinnere mich an den Tod meines eigenen Vaters vor zweieinhalb Jahren. Einen Elternteil loszulassen ist unendlich schwierig. Selbst wenn man schon längst erwachsen ist, ist es, als wenn man plötzlich endgültig Abschied von der Kindheit nehmen müsste, und ganz auf sich allein zurückgeworfen würde. Ein festes Kontinuum im Leben bricht weg, ein Halt und eine Liebe, auf die man sich immer verlassen konnte.

Mein Vater lag zehn Tage mit einer schweren Hirnblutung auf der Intensivstation, bevor er nach zähem Kämpfen und Ringen gehen konnte. Diese zehn Tage gehören mit zu den intensivsten meines Lebens – es war ein Hin-und-her-gerissen-sein zwischen Hoffen und Bangen, Mut und Verzweiflung, Hingabe und Auflehnung, Weinen und Lachen. Ich lebte nur noch von Besuchszeit zu Besuchszeit und war die letzten drei Tage fast ununterbrochen an seinem Sterbebett.

Ich wollte es zuerst nicht akzeptieren, dass er sterben könnte, und habe mit allen Mitteln dagegen anzukämpfen versucht. Ich habe gebetet, unendlich viele Kerzen angezündet, ihm Fernheilungen geschickt, ein Wunder visualisiert, habe ihm im Krankenhaus die Hände aufgelegt, bin in einen Marienwallfahrtsort gefahren und habe Maria und alle Heiligen um ein Wunder angefleht. Ja, sogar einen Kuhhandel habe ich mit denen da oben versucht auszuhandeln, nach dem Motto, wenn ihr meinen Vater wieder gesund macht, dann werde ich…. Ich war verzweifelt: Es durfte doch nicht sein, dass ich als Heilerin meinem eigenen Vater nicht helfen konnte.

Zuerst sah es so aus, als würde sich die Situation stabilisieren, doch dann wurde sein Zustand schlimmer und die wachen Phasen immer weniger, er glitt immer weiter weg. Irgendwann war bei mir der Zeitpunkt gekommen, an dem ich nicht mehr wusste, was richtig war. Ich war einfach nur erschöpft. Wofür sollte ich noch beten? Dass er das Ganze irgendwie überlebt, mit vermutlich schwerwiegenden Folgen, oder dass er loslassen und friedlich sterben kann? Ich, die immer über alles die Kontrolle haben wollte, war plötzlich völlig hilflos. Ich wusste, dass ich nichts weiß. In einem Kirchenlied heißt es, „du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand“. Genau das tat ich. Ich ließ mich fallen, so tief wie noch nie zuvor, und dann habe ich sie gespürt, die Kraft, die mich auffing und tröstete. Und plötzlich waren die Worte in mir: „Dein Wille geschehe“. Ich erkannte, dass ich gar nichts wissen muss. Ich durfte mich einer höheren Macht anvertrauen, einer Intelligenz, die so viel mehr überblickt als ich und die genau weiß, was gut und richtig ist. Ab da habe ich meinem Vater nur noch absichtslose Heilbehandlungen geschenkt und gebetet: „Dein Wille geschehe“. Was für eine Last fiel damit von meinen Schultern! Ich spürte plötzlich, was auch immer jetzt passieren würde, es war das Richtige.

Seither weiß ich, welcher Segen in den Worten „dein Wille geschehe“ liegt. Wenn wir unser Ego loslassen, alles Wollen aufgeben und uns dem Größten anvertrauen, dann wird alles gut. Es geschieht dann automatisch das Beste – auch wenn es nicht unbedingt das ist, was wir für das Beste halten. Wir wissen meist nicht einmal etwas über unseren eigenen Seelenplan, wie sollten wir da entscheiden können, was für einen anderen Menschen das Richtige ist?

Ich wünsche uns allen mehr solcher Momente, in denen wir allen Widerstand aufgeben und uns tief in die Hände Gottes fallen lassen können. Meist brechen wir den Fall schon viel zu früh ab aus Angst, dass da doch nichts ist, was uns auffängt, und weil wir unserem begrenzten Intellekt mehr vertrauen als unserer lichtvollen Seelenheimat. Meist bedarf es eben erst größter Verzweiflung und Resignation, ehe wir die Worte „dein Wille geschehe“ aus tiefstem Herzen aussprechen können. Doch in diesem Moment der vollkommenen Hingabe passiert das Wunder.

Und was war mit all den Kerzen, den Gebeten, dem Handauflegen? Alles für die Katz’? Keineswegs! Heute weiß ich, dass sich bei meinem Vater gerade in den letzten leidvollen Tagen seines Lebens noch vieles heilsam ordnen und klären durfte – auch wenn er nicht mehr sprechen konnte und sein Bewusstsein stark eingetrübt war. Ich weiß es, weil es mein Herz mir sagt und weil ich in dem heiligen Moment seines Hinübergehens in seine sich plötzlich öffnenden, leuchtenden Augen schauen durfte. Er hat diese Welt ein großes Stück heiler verlassen, auch wenn sein Körper nicht wieder gesund geworden ist.

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